Wenn Land und Hoffnung verdorren

Kenia leidet unter ökologischem und politischem Kahlschlag. Das Land verdorrt, dennoch fürchten die Menschen den erhofften Regen auch, der das Land zu überfluten droht. Die Naturgewalten spiegeln gleichsam die politischen Risiken. Korruption isoliert das ostafrikanische Land immer mehr.

Walter Brehm
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Verdorrtes Land in Kenia als Folge von Raubbau, Rodung und politischer Korruption. (Bild: epa/Stephen Morrison)

Verdorrtes Land in Kenia als Folge von Raubbau, Rodung und politischer Korruption. (Bild: epa/Stephen Morrison)

Kenia wartet auf Regen – und fürchtet ihn. Das Problem offenbart sich besonders im Westen des Landes. Dort war der Mau-Wald einst Kenias «grüne Lunge». Aber die Rodung der Wälder hat die Austrocknung des Landes noch verstärkt.

Folgen der Korruption

Über Jahre ist der Mau-Wald unter tätiger Mithilfe kenianischer Politiker abgeholzt worden. Heute wächst in der Region nichts mehr. Der Boden ist staubtrocken, von der Dürre zerfurcht.

Der erhoffte Regen wird lange nicht versickern können und droht ganze Landstriche zu überfluten, was die Ernteerträge zusätzlich dezimieren wird. Dabei hungern bereits Hunderttausende Kenianer, weil korrupte Beamte und Politiker im vergangenen Frühling die Mais-Lager des Landes mit spekulativem Verkauf von Vorräten geleert haben.

Und wieder ein Hilfsappell

Dass der Raubbau am Grundwasser durch die Abholzung wichtiger Wälder die Versorgung Kenias existenziell schwächt, hat nun auch die Regierung realisiert – und sie reagiert wie immer. Premier Raila Odinga hat die internationale Gemeinschaft um 400 Millionen Dollar gebeten: Die Regierung wolle den Mau-Wald wieder aufforsten.

Aber dort, wo einst Wald war, sitzen längst Siedler auf nunmehr ausgetrockneten Feldern. Sie zeigen Urkunden vor, die sie als rechtmässige Grundbesitzer ausweisen. «Wenn wir weg müssen, fordern wir anderes Land», sagt ein Bauer. Obwohl inzwischen die Wasserversorgung in Kenia für über fünf Millionen Menschen nicht mehr gesichert ist und die dadurch reduzierte Stromversorgung Menschen und Wirtschaft zusätzlich plagt, ist die Regierung in Nairobi vor allem mit Personaldebatten beschäftigt.

Der «konsequente» Präsident

In solchen Fragen scheint Präsident Mwai Kibaki dann plötzlich Entscheidungsfreude und Konsequenz zu demonstrieren. Nach- dem es Oppositionelle und Menschenrechtler seit Monaten gefordert hatten, entliess Kibaki den nationalen Polizeichef Hussein Ali. Der ehemalige Armeegeneral hatte Strafverfolgung kaum als Aufgabe der Justiz verstanden.

Verdächtige und Kriminelle wurden statt der Gerechtigkeit oft einem schnellen Tod durch aussergerichtliche Hinrichtungen zugeführt.

Doch die Konsequenz des Präsidenten war Inszenierung. Er schickte seinen politischen Weggefährten nicht in die Wüste. Hussein Ali ist vom Präsidenten zum gut besoldeten Chef der kenianischen Post ernannt worden.

Sand in die Augen der Geber

Da internationale Geber Kenias – vor allem die USA – langsam die Lust verlieren, die Unfähigkeit der Regierung in Nairobi mit immer neuen Hilfsprogrammen zu finanzieren, holte Präsident Kibaki zu einer weiteren Demonstration seiner Führungsstärke aus. Ohne das Parlament und die zuständige Kommission zu konsultieren, wollte er das Mandat des Chefs der Anti-Korruptions-Behörde um fünf Jahre verlängern.

Doch das Parlament bemerkte, was Kibaki vertuschen wollte: Der oberste Korruptions-Bekämpfer war bisher nur dadurch aufgefallen, dass er nicht auffiel. Die Abgeordneten gaben das Geld nicht frei, das für den Posten vorgesehen war. Nur weiss nun niemand, wie es mit der Korruptionsbekämpfung weitergeht.

Umstrittener Zensus

2011 stehen in Kenia Wahlen an.

Doch noch immer vegetieren Tausende Opfer der ethnischen Unruhen nach den letzten Wahlen in Flüchtlingslagern. Regierung und Parlament waren bisher nicht willig, die Drahtzieher der Unruhen vor Gericht zu stellen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass amtierende Minister dazu gehören. Politiker, die Anhänger aus ihrer Volksgruppe bewusst auf Angehörige anderer Volksgruppen gehetzt hatten.

Unter anderem um die kommenden Wahlen vorzubereiten, hatte die Regierung Ende August eine Volkszählung durchgeführt. Die Befragten aus 52 Volksgruppen mussten auch angeben, welcher Ethnie sie angehören. Viele Kenianer sind misstrauisch: Warum fragen Politiker, die ihre Mitschuld an ethnischer Gewalt vertuschen, wer welcher Volksgruppe angehört? Sie wissen, in Ruanda war vor dem Völkermord genau registriert, wer zu welcher Ethnie gehört.

Unlösbares Dilemma?

Die Zeit drängt. Kenia braucht Hilfe, um das Überleben Hunderttausender Dürre-Opfer zu sichern. Doch das Dilemma bleibt: Kenias Regierung ist keine Adresse, die garantiert, dass Hilfe die Bedürftigen erreicht. Zu lange konnte Nairobi darauf bauen, dass die Staatengemeinschaft hilft, ohne Fragen zu stellen.

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