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Wenn Eltern toter Kinder als Schauspieler verhöhnt werden

Eine perfide Verschwörungstheorie macht die Runde: Eltern der Opfer von Amokläufen werden bedroht, weil ihnen unterstellt wird , Schauspieler zu sein – instrumentalisiert von Antiwaffenlobby und Regierung.
Andreas Bättig
Gedenkstätte für die Opfer der Schiesserei im texanischen Sutherland Springs. Der Täter tötete dort im November letzten Jahres 26 Kirchgänger. (Bild: Scott Olson/Getty 6. November 2017)

Gedenkstätte für die Opfer der Schiesserei im texanischen Sutherland Springs. Der Täter tötete dort im November letzten Jahres 26 Kirchgänger. (Bild: Scott Olson/Getty 6. November 2017)

Er war einer der blutigsten Amokläufe der letzten Jahre: Am 5. November 2017 stürmte ein Amokläufer die Baptistenkirche in der texanischen Ortschaft Sutherland Springs in den USA. Mit einem Sturmgewehr tötete er 26 Menschen, 20 wurden verletzt.

Unter den Opfern befand sich auch die 14-jährige Annabelle Pomeroy, die Tochter des Pfarrers, Frank Pomeroy. Der Pfarrer selbst war an diesem Tag nicht in der Kirche.

Belästigung kommt zur Trauer hinzu

Seit dem Amoklauf muss sich Frank Pomeroy nicht nur mit der Trauer um seine Tochter und den vielen toten Mitgliedern seiner Gemeinde rumschlagen, sondern auch mit Verschwörungstheoretikern. Sie werfen ihm vor, dass seine Trauer nur gespielt sei. Und noch viel schlimmer: Dass es für den Tod seiner Tochter gar keine Beweise gebe.

«Crisis Actors», zu Deutsch: «Krisenschauspieler», nennen Verschwörungstheoretiker Angehörige von Amokopfern, die in ihren Augen im Auftrag der Regierung oder einer sonstigen mysteriösen Macht angestellt sein sollen. Unter anderem soll damit das Ziel verfolgt werden, schärfere Waffengesetze durchzusetzen.

Wer jetzt denkt, dass es sich bei Anhängern der «Crisis Actor»-Theorie bestimmt nur um einzelne Verwirrte handelt, der irrt. Längst wird diese These dank des Internets in sozialen Medien von Tausenden geliked, geteilt und so weiterverbreitet.

Drohungen bis die Polizei kommt

Für die Angehörigen der Opfer hat das dramatische Folgen: Sie werden verhöhnt, bedroht, mit Telefonanrufen belästigt und im echten Leben als Lügner beschimpft. Der amerikanische Nachrichtenkanal «Vice» hat sich dem Thema «Crisis Actor» vor kurzem mit einer sehenswerten Dokumention namens «The Rise of the Crisis Actor Conspiracy Movement» (Der Aufstieg der Krisenschauspieler-Bewegung) angenommen. «Vice» hat nicht nur mit Angehörigen von Opfern gesprochen, sondern auch mit jenen, die solche Theorien verbreiten.

Zu sehen sind Szenen, die manchmal nur schwer zu ertragen sind. «Du hast keinen Beweis, dass deine Tochter überhaupt geboren wurde. Du bist ein Lügner, Frank, ein Dämon», wird Pastor Frank Pomeroy von einem Verschwörungstheoretiker vor seiner Kirche beschimpft. Pomeroy bleibt erstaunlich ruhig. Als ihm gesagt wird, dass er für diese Lügen am Galgen hängen wird, ruft er die Polizei.

Eines der bekanntesten Opfer der «Crisis-Actor»-Theorie wurde jüngst der Schüler David Hogg. Der 18-Jährige überlebte den Amoklauf in einer Highschool in Parkland, Florida, am 14. Februar dieses Jahres. Dabei wurden 17 Schülerinnen und Schüler getötet.

Seitdem setzt sich Hogg vehement für ein schärferes Waffenrecht ein, tritt dafür immer wieder im Fernsehen auf und wurde so zur Zielscheibe der «Crisis Actor»-Verschwörer.

«Ich musste das alles miterleben»

Ein Video, das «Beweise» liefern sollte, dass Hogg ein Schauspieler ist, war zwischenzeitlich die Nummer eins der Trend-Charts auf Youtube und wurde mehr als 200000-mal angeklickt. Das Video wurde mittlerweile von Youtube entfernt. Hoggs fühlte sich genötigt, auf dem Fernsehsender CNN öffentlich zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen: «Ich bin kein Krisenschauspieler. Ich war ein Augenzeuge und musste das alles miterleben», sagte er.

Moderator muss sich vor Gericht verantworten

Längst nehmen die Opfer derartige Belästigungen und Verleumdungen nicht mehr einfach so hin. Der Betreiber der rechtsnationalen Sendung «Infowars», Alex Jones, muss sich bald vor Gericht für eine solche Falschmeldung verantworten.

Der 44-jährige Texaner, dessen Youtube-Kanal 2,3 Millionen Abonnenten hat, behauptete öffentlich, dass die trauernden Eltern der verstorbenen Kinder des Amoklaufs an der Schule Sandy Hook in Newtown im Jahr 2012 «Crisis-Actors» seien. 27 Menschen starben damals, davon viele Kinder.

Acht Opfer-Familien und ein FBI-Agent, der zum Massaker gerufen wurde, haben den Moderator verklagt und werfen ihm Verleumdung vor. «Mr. Jones und seine Kollegen verbreiten permanent die monströse und unaussprechliche Lüge, dass die Sandy-Hook-Schiesserei inszeniert ist und Familien, die ihre Liebsten verloren haben, Schauspieler sind, die den Tod ihrer Angehörigen erfunden haben», heisst es in der Anklageschrift, wie die «New York Times» berichtet.

Familienmitglieder seien aufgrund der falschen Anschuldigungen mit Videokameras verfolgt und aufgefordert worden, Beweise zu erbringen, dass ihre Kinder tot sind. Jones selber bestreitet die Vorwürfe und beruft sich bei seinen Aussagen auf das Recht der Meinungsäusserungsfreiheit. Ausserdem seien seine Aussagen aus dem Kontext gerissen worden, verteidigt er sich. Ob eine Verurteilung von Jones eine Signalwirkung für andere Verschwörungstheoretiker haben wird, ist fraglich. Sie werden dahinter wohl eine weitere Verschwörung sehen.

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