Wenn die UNO in den Krieg zieht

In Ostkongo herrscht weiter Krieg zwischen Rebellen und der Regierungsarmee. Zwei Entwicklungen verschärfen die Lage: Die UNO-Friedenstruppe wird zunehmend Kriegspartei und zwischen Kongo und Ruanda eskalieren Spannungen.

Walter Brehm
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In Ostkongo fordern Kämpfe zwischen der kongolesischen Armee und Rebellen der Bewegung 23. März (M23) seit Tagen wieder viele Todesopfer. Eine Meldung, die sich fast täglich wiederholen liesse, stünde der Krieg in Kongo in der medialen Aufmerksamkeit weiter oben.

Armee-Erfolg dank UNO-Hilfe

Die Frontlinie des Krieges verläuft derzeit etwa 15 Kilometer nördliche der Stadt Goma in der Provinz Nordkivu. Nachdem die M23-Rebellen die Stadt Ende 2012 eingenommen hatten, ist dies ein Erfolg der Regierungsarmee. Neu aber ist: Dieser Erfolg ist nur mit massiver Unterstützung durch UNO-Truppen zustande gekommen. Es ist das erste Mal seit acht Jahren, dass Blauhelme in Kongo an der Seite der Armee offensiv gegen bewaffnete Gegner der Regierung in Kinshasa vorgehen.

Es ist ein riskantes Szenario: Die Truppe weitet das für Blauhelme übliche Mandat, sich – wenn nötig mit Gewalt – zwischen die Kriegsparteien zu stellen aus und wird selber Kriegspartei. Der Deutsche Martin Kobler, Chef der UNO-Mission (Monusco), scheint dies zu bestätigen. Am vergangen Sonntag besucht er ein Militärspital in Goma und rühmte dort verletzte kongolesische Soldaten: «Ihr seid Helden, wir sind stolz auf euch.» Im Interview mit dem französischen Radiosender RFI wurde Kobler noch deutlicher: «Wir haben in sehr entschlossener Manier an der Seite der kongolesischen Streitkräfte gekämpft.»

Komplexes Krisengebiet

Es ist dies eine Eskalation im wohl komplexesten Krisengebiet Afrikas. Gekämpft wird nicht nur um widerstrebende kongolesische, sondern auch um wirtschaftliche Interessen westlicher Industrienationen. Es geht unter anderem um Rohstoffe wie Coltan, ein Erz, das für die Herstellung von Mobiltelefonen und Tablet-Computern benötigt wird.

Hinzu kommen noch immer die Folgen des Völkermords im Nachbarland Ruanda, in dem Anfang der 90er-Jahre fast eine Million Menschen, vor allem aus der Ethnie der Tutsi, ermordet wurden. Die Anführer der ostkongolesischen M23-Rebellen sind überwiegend Tutsi und werden nach Erkenntnissen der UNO von Ruandas Regierung unterstützt.

Die Regierung in Kigali dementiert dies immer wieder und wirft ihrerseits der kongolesischen Regierung vor, mit den nach Ostkongo geflüchteten damaligen Völkermördern – Angehörige der Hutu-Ethnie – gemeinsame Sache zu machen. Vor diesem Hintergrund stellt die Monusco mit ihrem Einsatz auf Seiten der kongolesischen Armee ihre Rolle als unparteiische Friedensstifterin zur Disposition.

Die Brisanz der Lage rund um Goma, das auch Grenzstadt zu Ruanda ist, zeigt sich in gegenseitigen Vorwürfe Ruandas und Kongos. Die Regierung in Kigali wirft der kongolesischen Armee vor, im Kampf um Goma willentlich ruandisches Gebiet beschossen zu haben, während die Regierung Kongos erklärt, Ruanda habe mit Raketen die bedrängten M23-Rebellen unterstützt.

Zivile Proteste in Goma

In Goma selber ist es in den vergangenen Tagen zu gewalttätigen Protesten von Zivilisten gekommen, die weder mit den Rebellen noch mit der kongolesischen Regierung sympathisieren. Mit seiner offenen Parteinahme für die kongolesische Armee setzt sich der Monusco-Chef zwischen alle Stühle – sowohl im ostkongolesischen Kleinkrieg als auch im prekären Verhältnis zwischen Kongo und Ruanda.

Der Afrika-Experte der «Tageszeitung» in Berlin warnt: «Der kongolesische Sicherheitsapparat ist viel zu korrupt, als dass man sich als ausländischer Unterstützer auf ihn verlassen kann.»