Weltkulturerbe wird zerstört

In der südosttürkischen Stadt Diyarbakir gehen Armee und Polizei rücksichtslos gegen die kurdische PKK und gegen kurdisch-militante Jugendliche vor. Dabei sind schon viele Menschen getötet und Kulturdenkmäler zerstört worden.

Jürgen Gottschlich
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ISTANBUL. Es war wie an den anderen 17 Tagen zuvor auch. Mehrere tausend Demonstranten marschierten auf die Altstadt von Diyarbakir zu. Doch noch bevor sie die Absperrungen erreichten, ging die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas auf die Menge los und trieb die Demonstranten auseinander. Seit 17 Tagen demonstrieren die Einwohner von Diyarbakir jeden Tag dagegen, dass Polizei und Militär die Altstadt der kurdischen Millionenmetropole im Südosten der Türkei hermetisch abgesperrt hat – mit einer kurzen Unterbrechung, die Tausende Bewohner dazu nutzten, in die Neustadt zu fliehen.

Kampf um «Befreite Zonen»

Diyarbakir ist eines der Zentren der Operation «Hendek», die über 10 000 Soldaten und Polizisten seit Mittwoch letzter Woche in den kurdisch besiedelten Gebieten im Südosten der Türkei durchführt. Der Codename bedeutet «Gräben», und angeblich geht es darum, Gräben zuzuschütten. Diese Gräben sind zumeist Teil von Barrikaden und anderen Absperrungen, die von PKK-nahen kurdisch-militanten Jugendlichen in mehreren Städten aufgebaut wurden, um dort «Befreite Zonen» einzurichten – Zonen, aus denen der türkische Staat vertrieben werden soll, um ein selbstverwaltetes Gebiet einzurichten. In martialischen Worten verkündete Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan mehrmals, die Armee werde diese Zonen zurückerobern und so lange dort bleiben, bis das Gebiet von allen «Terroristen» gesäubert ist.

Häuser werden gezielt zerstört

Eine dieser Zonen ist Sur, ein Bezirk, der ungefähr die Hälfte der historischen Altstadt Diyarbakirs umfasst. Sur war schon immer ein Zentrum des kurdischen Widerstands, jetzt ist der Bezirk zu einem Kriegsgebiet geworden. Seit im Juli der Waffenstillstand zwischen der kurdischen Guerilla PKK und der türkischen Regierung von Erdogan aufgekündigt wurde, wird in Sur gekämpft. Seit dem 17. August gab es in Sur mehrfach Ausgangssperren, während derer die Bevölkerung ihre Häuser nicht verlassen durfte. Mit Panzern und schwerem Gerät geht die Armee gegen die Barrikaden vor. In einem regelrechten Häuserkampf zerstört die Armee die Häuser, in denen sie kurdische Militante vermutet. Nach und nach ist ein grosser Teil der zuletzt 57 000 Bewohner von Sur aus der Altstadt geflohen, wer noch da ist, wird von der Armee als «Terrorist» verfolgt.

«Die Armee hat das grösste Hotel der Altstadt, Greenpark, besetzt, auf dem Dach ihre Scharfschützen positioniert und schiesst nun von dort auf alles, was sich bewegt», berichtet Ercan Ayboga, der in Diyarbakir zu dem Team gehört, das die Anerkennung der Altstadt als Weltkulturerbe durch die Unesco vorbereitet hat. «Im Juni kam die Anerkennung als Weltkulturerbe», sagt Ayboga, «drei Wochen später, im Juli, gingen die Kämpfe los.»

Ein gravierender Rückschritt

«Für die Stadt ist das eine Katastrophe. Die komplette Entwicklung der letzten Jahre wird vernichtet», sagt Ayboga. Nicht nur, dass das gesamte Leben stillsteht und der Tourismus völlig zum Erliegen gekommen ist, auch jahrhundertealte Kulturdenkmäler werden zerstört. Eine Moschee aus dem 15. Jahrhundert brannte bereits aus, auch die in den letzten Jahren erst wiederaufgebaute armenische Surp-Giragos-Kirche wurde beschädigt.

Dabei hat Diyarbakir sich in den letzten zehn Jahren relativen Friedens enorm entwickelt. Um die Altstadt herum sind grosse Neubauviertel entstanden, in denen Parks und Sportplätze ein für den kurdischen Südosten bis dahin völlig neues Lebensgefühl entstehen liess. In der Stadt entwickelte sich eine ökonomisch gefestigte Mittelschicht, die jetzt entsetzt hinnehmen muss, dass der vermeintlich für überwunden geglaubte Krieg zurück ist.

«Beide Seiten fühlen sich stark»

«Es gibt natürlich auch etliche Leute, die die PKK dafür verantwortlich machen», sagt Ercan Ayboga, «aber die Mehrheit sieht doch in Erdogan und seiner Regierung das Hauptproblem.» Diese Einschätzung wird dadurch bestätigt, dass fast alle Geschäftsleute immer wieder aus Protest ihre Läden schliessen. «Gestern», sagt Ayboga, «waren 99 Prozent aller Geschäfte in der gesamten Stadt geschlossen.» Seit auch Selahattin Demirtas, Co-Chef der Kurdenpartei HDP, vor wenigen Tagen zum Widerstand aufgerufen hat, nehmen die Proteste noch erheblich zu.

«Beide Seiten, sowohl die regierende AKP wie auch die kurdische Bewegung, fühlen sich im Moment stark», sagt Ercan Ayboga. «Ich glaube nicht, dass die Kämpfe bald aufhören oder der Widerstand zusammenbricht. Eher muss sich der Staat zurückziehen.»

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