Weissrussland
Rätselhafter Leichenfund: Lukaschenko-Kritiker verstehen den Vorfall als neue Warnung an ihre Adresse

Witali Schischow hatte seinen weissrussischen Landsleuten bei der Flucht ins Ausland geholfen. Jetzt wurde er erhängt in Kiew gefunden. Das ist nicht die einzige Schreckensmeldung, für die das Regime diese Woche gesorgt hat.

Paul Flückiger, Warschau, Samuel Schumacher, dpa
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Witali Schischow, ein weissrussischer Aktivist, wurde erhängt in einem Park in Kiev gefunden.

Witali Schischow, ein weissrussischer Aktivist, wurde erhängt in einem Park in Kiev gefunden.

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Witali Schischow, ein kürzlich als vermisst gemeldeter weissrussischer Aktivist, ist in der ukrainischen Hauptstadt Kiew tot aufgefunden worden. Schischow sei am Dienstag erhängt in einem Park in der Nähe seines Wohnorts entdeckt worden, teilte die Kiewer Polizei mit.

Schischow leitete die Organisation «Weissrussisches Haus in der Ukraine», die Exil-Belarussen beim Ankommen hilft. Die Organisation hatte am Montag bekannt gegeben, dass Schischow vom Joggen nicht zurückgekehrt sei. Zuvor hatte er Medienberichten zufolge darüber geklagt, sich verfolgt zu fühlen. Die Polizei ermittelt eigener Aussage zufolge wegen Mord. In der Nähe von Schischows Leiche seien persönliche Gegenstände und sein Mobiltelefon gefunden worden.

«Selbstmord »trägt Handschrift des Geheimdienstes

Der Fall Schischow erinnert an den bei Minsk 2010 erhängt in seiner Datschau aufgefunden Journalisten und Menschenrechtsaktivisten Oleg Bebenin. Der «Selbstmord» im Park von Kiew, der die Handschrift des weissrussischen Geheimdienstes KGB trägt, wird in weissrussischen Demokratiekreisen unweigerlich als Warnung verstanden werden.

Der Leichenfund ist aber nur die jüngste Schreckensmeldung in einer Ereigniskette, die die weissrussische Regierung in den vergangenen Tagen erneut in ein schlechtes Licht gerückt hat. Anfang Woche sorgte der Fall der weissrussischen Olympia-Sprinterin Kristina Timanowskaja für Aufregung. Sie behauptete, nur knapp einem Entführungsversuch durch weissrussische Sportfunktionäre entgangen zu sein, nachdem sie sich über eine falsche Wettkampfeinteilung beklagt hatte.

Die Athletin hat sich am Flughafen von Tokio an die japanische Polizei gewendet und wurde schliesslich von der polnischen Botschaft aufgenommen. Polen hat der 24-jährigen Timanowskaja humanitäres Asyl angeboten und das Regime in Minsk scharf kritisiert.

Lukaschenko setzt auf die Erdogan-Strategie

Zudem sorgt Machthaber Lukaschenko mit seiner neuen Flüchtlingsstrategie für Stunk auf dem politischen Parkett. Die EU wirft ihm vor, aktiv Migranten an die litauische EU-Aussengrenze zu bringen und mit dem «Akt der Aggression» Druck auf den Staatenbund aufbauen zu wollen.

Durchgewunken: Flüchtlinge in einem Auffanglager im litauischen Verebiejai. Lukaschenko will mit ihnen Druck auf die EU aufbauen.

Durchgewunken: Flüchtlinge in einem Auffanglager im litauischen Verebiejai. Lukaschenko will mit ihnen Druck auf die EU aufbauen.

EPA

An der fast 680 Kilometer langen Grenze des baltischen EU-Landes zu Belarus wurden allein im Juli mehr als 2000 illegale Grenzübertritte von Menschen aus Ländern wie dem Irak oder afrikanischen Staaten registriert. Im gesamten vergangenen Jahr waren es 81 gewesen.

Nach Erkenntnissen der EU wurde die Situation gezielt von der Regierung des Nachbarlandes herbeigeführt. So hatte Lukaschenko in der Vergangenheit offen damit gedroht, als Reaktion auf die gegen sein Land verhängten EU-Sanktionen Menschen aus Ländern wie dem Irak, Afghanistan oder Syrien passieren zu lassen.

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