Italien
Wegen Coronakrise: Italienische Ministerin will 600'000 Illegalen Papiere geben – und damit die Landwirtschaft retten

Für die 61-jährige Teresa Bellanova ist das eine persönlich Angelegenheit.

Dominik Straub aus Rom
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Ohne die "Clandestini" würde Italiens Landwirtschaft am Boden liegen. (Bild: Pixabay)

Ohne die "Clandestini" würde Italiens Landwirtschaft am Boden liegen. (Bild: Pixabay)

CH Media

In Italien leben 670'000 Einwanderer ohne gültige Aufenthaltspapiere, viele von ihnen ehemalige Bootsflüchtlinge aus Afrika. Ein beträchtlicher Teil schuftet für einen Hungerlohn auf den Tomaten- und Früchteplantagen im Süden. Weitere 200'000 Ausländerinnen arbeiten als Dienst- und Kindermädchen bei Familien oder in Altersheimen – oft schwarz.

Für Landwirtschaftsministerin Teresa Bellanova ist klar, dass diese Zustände nicht länger geduldet werden können: «Wenn wir die Migranten nicht legalisieren, dann macht sich der Staat zum Komplizen der Schwarzarbeit, der Sklaverei und der Mafia», betont sie.

Hinzu kommt, dass der Landwirtschaft wegen der Pandemie derzeit rund 200'000 Saison-Arbeiter aus Osteuropa fehlen: Der Kleinbauernverband Coldiretti fordert daher, die fehlenden Saisonniers durch Arbeitskräfte zu ersetzen, die sich bereits im Land befinden.

Landwirtschaftsministerin war selber Ernte-Sklavin

Genau das soll nach Plänen der Landwirtschaftsministerin jetzt offiziell werden. Rund 600'000 Illegale – die «Clandestini» –, die eine Arbeitsstelle vorweisen können, sollen entsprechenden Papiere ausgestellt werden.

Dass es Teresa Bellanova ist, die sich für die Legalisierung der Clandestini einsetzt, ist kein Zufall. Die heute 61-jährige Süditalienerin stammt aus einfachen Verhältnissen und hatte als junge Frau selber jahrelang auf den Tomatenfeldern und in den Olivenhainen Apuliens gearbeitet. Die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Ernte-Sklaven ist für sie ein durch ihre Biografie bedingtes Herzensanliegen.

Nötig ist die Legalisierung der Clandestini auch aus gesundheitspolitischen Überlegungen, sagt Bellanova. In der Coronakrise könne es sich Italien nicht leisten, dass hunderttausende Menschen durch die Maschen des Gesundheitssystems fallen.

Die Fünf-Sterne-Bewegung tritt aber noch auf die Bremse. Die rechtsradikale Lega will davon ebenfalls nichts wissen. Doch den seuchenpolitischen Überlegungen werden sich auch diese Parteien nicht viel länger verschliessen können.