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Was nun, nach Cancún?

Weltklima Die Weltklimakonferenz in Cancún hat einige Resultate gebracht - was nicht alle erwartet hatten. Ob die gesteckten Ziele erreicht werden, ist nach Professor Reto Knutti von der ETH Zürich allerdings unsicher. Auch der ETH-Politikwissenschafter Thomas Bernauer kann sich den teils euphorischen Kommentaren nicht anschliessen. Bruno Knellwolf
Geht die Welt baden? Während der Klimakonferenz setzte Greenpeace die Denkmäler dieser Welt ins Meerwasser vor Cancún. (Bild: ap/Eduardo Verdugo)

Geht die Welt baden? Während der Klimakonferenz setzte Greenpeace die Denkmäler dieser Welt ins Meerwasser vor Cancún. (Bild: ap/Eduardo Verdugo)

War die Weltklimakonferenz in Cancún ein Erfolg oder Misserfolg? Darüber gibt es wenig Einigkeit. Thomas Bernauer, Professor für Politikwissenschaft an der ETH Zürich, kann sich in seinem Klima-Blog aus Cancún den teils euphorischen Kommentaren von Politikern, NGOs und Wissenschaftern nicht anschliessen. Der Kollaps sei zwar vermieden worden. Ansonsten sei die Bilanz von Cancún aber mager: Eine gemeinsame Erklärung, die Erderwärmung nicht über zwei Grad steigen zu lassen, eine Skizze für einen

Finanzierungsmechanismus, durch den ärmere Länder von der Abholzung ihrer Wälder abgehalten werden sollen, und weitere Absichtserklärungen für eine Finanzierung von Massnahmen in Entwicklungsländern. Immer noch fehlten aber rechtlich bindende internationale Verpflichtungen zur Reduktion von Treibhausgasen. Immerhin hätten sich alle Länder auf ein gemeinsames Klimaziel geeinigt und bekräftigt, dass sie ein weltweites Abkommen zum Klimaschutz als geeignetes Mittel sehen, sagt dazu Professor Reto Knutti, Klimatologe an der ETH Zürich.

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Herr Knutti, sind die Ergebnisse von Cancún für einen Klimatologen ein Fortschritt?

Reto Knutti: Nach den gescheiterten Verhandlungen in Kopenhagen waren die Erwartungen tief. Das Ja zum Klimaschutz und zum UNO-Prozess ist unbestritten ein Erfolg. Wie man die Ziele erreichen will, bleibt aber unklar. Rechtlich bindende Reduktionsziele für einzelne Länder fehlen. In diesem Sinne stehen wir erst am Anfang eines schwierigen Prozesses.

18 Jahre nach der UNO-Klima-Rahmenkonvention in Rio sind wir also immer noch bei der Diskussion der Ziele. Es ist höchste Zeit, dass Taten folgen.

Als Ziel wurde beschlossen, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius zu begrenzen. Mit welchen Massnahmen?

Knutti: Es gibt spekulative Ideen des Geo-Engineerings, also einer gesteuerten Modifikation des Klimas - zum Beispiel mit künstlichen Aerosolen. Das ist nicht realistisch. Deshalb gibt es nur einen Weg, das 2-Grad-Ziel zu erreichen: Die weltweiten CO2-Emissionen müssen massiv reduziert werden. Wie man das jedoch erreichen will, darüber sagen die Dokumente von Cancún kaum etwas aus, und die Länder haben verschiedene Vorstellungen.

Welche?

Knutti: Die erste Bemessungsperiode des Kyoto-Protokolls läuft 2012 aus.

Russland und Japan wollen bei einer allfälligen zweiten Bemessungsperiode, einer Verlängerung des Kyoto-Protokolls, nicht mithelfen. Die USA will nur etwas tun, wenn China auch dabei ist - und Obama hat innenpolitisch seit den letzten Wahlen einen schweren Stand. Die Ausarbeitung von rechtlich bindenden Reduktionszielen ist die Herkules-Aufgabe für die nächsten ein bis zwei Jahre.

Das ETH-Institut für Klimaphysik hat berechnet, welche Treibhausgas-Emissionen 2020 vereinbar sind mit diesem 2-Grad-Ziel. Was bedeutet das für die Schweiz?

Knutti: Um die Erwärmung weltweit auf zwei Grad zu begrenzen müssten die weltweiten Emissionen bis ins Jahr 2050 mindestens halbiert werden. Für die Schweiz und Westeuropa bedeutet das 80 bis 95 Prozent bis 2050, und rund 25 bis 40 Prozent bis 2020, gegenüber dem Referenzjahr 1990. Mit allen Anstrengungen hat es die Schweiz geschafft, dass der CO2- Ausstoss über die letzten gut zehn Jahre konstant geblieben ist. Damit werden wir wahrscheinlich das Kyoto-Ziel knapp verfehlen. Das zeigt, wie viel mehr wir unternehmen müssen, wenn wir das 2-Grad-Ziel erreichen wollen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass das 2-Grad-Ziel erreicht wird?

Knutti: Wenn wir es wirklich wollen, ist das Ziel aus meiner Sicht schon erreichbar. Aber leider ist das eine politische Frage und nicht eine der Klimaforschung.

Und deshalb erscheint mir das Erreichen des Ziels trotz Cancún im Moment nicht sehr realistisch, die politischen Fortschritte sind zu klein. Aber es wäre falsch, damit die Sache aufzugeben. Es ist immer noch besser, 2 Grad zu verfehlen und 2,5 Grad zu erreichen, als auf 4 oder 5 Grad zuzusteuern.

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Der Politikwissenschafter Thomas Bernauer hält selbst die in Aussicht gestellte Finanzierung für ärmere Länder nicht für sicher. Klimaschutzhilfe sei oft nur eine «Neuverpackung» traditioneller Entwicklungshilfe.

Ohne die in Cancún versprochenen Gelder der reichen Industrieländer in den kommenden Jahren werden die Entwicklungs- und Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien nach Thomas Bernauer aber kaum willig sein, sich konkreten und kostspieligen Klimaschutz-Verpflichtungen zu unterwerfen. Und ohne Beteiligung von China und Indien werden gemäss dem ETH-Professor für Politikwissenschaft wohl einige grosse Industrieländer wie die USA, Japan und Russland keine grösseren Lasten auf sich nehmen.

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Herr Knutti, wie sehen die Szenarien aus, wenn das 2-Grad-Ziel nicht erreicht wird?

Knutti: Vier oder fünf Grad Celsius Erwärmung im weltweiten Durchschnitt sind in Szenarien mit hohem Wachstum und hohem Verbrauch von fossilen Brenn- und Treibstoffen durchaus möglich. Eine vier Grad wärmere Welt bedeutet für die Schweiz zum Beispiel sechs Grad wärmer im Sommer - möglicherweise mit 30 Prozent weniger Regen.

Die Folgen für Wasser, Landwirtschaft, Ökosysteme und Infrastruktur sind vielfältig, und nicht alle sind negativ. Aber besonders bei hoher Erwärmung nehmen die negativen Auswirkungen überhand.

Man muss wissen, dass vier Grad nicht einfach doppelt so schlimm sind wie zwei Grad Erwärmung. Vier Grad wären um ein Vielfaches schlimmer, die Schäden nehmen pro Grad überproportional zu.

Durch die Waldrodung werden etwa 17 Prozent der Treibhausgase freigesetzt, in Cancún wurde erklärt, dass tropische Wälder geschützt werden sollen. Wie soll das erreicht werden, ist das realistisch?

Knutti: Die Reduktion der Waldrodung ist ein wichtiger Beitrag. Aber auch hier ist die Art der Umsetzung nicht genügend klar. Zudem ist wichtig, dass diese Länder ihre effektiven CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen reduzieren, und nicht nur über die Einsparung durch den Waldschutz argumentieren. Also mit Wald spekulieren, den sie sonst angeblich abgeholzt hätten.

Der eher umstrittene Emissionshandel soll weiterentwickelt werden und an der nächsten Weltklimakonferenz in Durban diskutiert werden. Halten Sie das für ein taugliches Mittel?

Knutti: Der Emissionshandel hat Vor- und Nachteile. Einerseits ermöglicht ein solches System, dass dort zuerst Massnahmen ergriffen werden, wo sie einfach und günstig sind. Andererseits besteht die Gefahr eines Ablasshandels, bei dem die Reichen sich nicht bewegen müssen und einfach bezahlen. Zudem führen solche Systeme zu seltsamen Effekten: Russland zum Beispiel hat grosse Mengen an Zertifikaten, die sie verkaufen können. Aber nicht etwa, weil sie bewusst Massnahmen zur Emissionsreduktion ergriffen haben, sondern einfach weil ihre Wirtschaft am Boden liegt. Ob der Emissionshandel ein effizientes Mittel ist, um die CO2-Emissionsziele zu erreichen, muss nicht die Klimaforschung, sondern die Wirtschaft und Politik beurteilen. In jedem Fall braucht es klarere Regeln mit weniger Schlupflöchern.

Professor Reto Knutti Institut für Atmosphäre und Klima, ETH Zürich

Professor Reto Knutti Institut für Atmosphäre und Klima, ETH Zürich

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