Warum sprechen wir anders als Deutsche?

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Mario Andreotti
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Die Zahl der Deutschen in der Schweiz ist in den letzten Jahren auf über eine Viertelmillion gestiegen. Sie sprechen die gleiche Sprache wie wir Deutschschweizer – und doch ganz anders. Für ihre Ohren, vor allem, wenn es sich um die von Norddeutschen handelt, klingt Schwyzerdütsch wie eine Mischung aus Norwegisch und Türkisch oder aus Gesang und Geröchel, wie boshafte Zungen behaupten. In Bayern und Baden-Württemberg versteht man unser Schweizerdeutsch noch einigermassen, in Rheinland-Pfalz nur noch bedingt und in Berlin gar nicht mehr. Warum ist das so? Warum sprechen wir in der Schweiz anders als in Deutschland?

Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir einen Blick zurück in die deutsche Sprachgeschichte werfen. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts beginnt sich das mittelalterliche Mittelhochdeutsch zu wandeln, setzt die lange Entwicklung von einer Vielfalt an Schreibdialekten über einige grosse überregionale Schreibsprachen hin zu einer gemeinsamen Schrift­sprache auf ostmitteldeutscher Grundlage ein. Mehrere Faktoren haben diese Entwicklung begünstigt, wie der Einfluss der kaiserlichen Kanzleien, frühkapitalistische Handelsinteressen, die Erfindung des Buchdrucks um 1450 und die damit verbundene Wirkung des gedruckten Wortes. Wichtig war auch die Tatsache, dass mit dem Aufkommen eines städtischen Bürgertums das Latein zurückgedrängt wurde und dass es folglich mehr deutsche Texte zu lesen gab und immer mehr Menschen lesen konnten. Schliesslich hat Martin Luther mit seiner Bibelübersetzung die Entstehung der deutschen Gemeinsprache entscheidend gefördert.

Von der Entwicklung hin zu einer neuhochdeutschen Standardsprache blieb der alemannische Raum, also die heutige Deutschschweiz, weitgehend unberührt. Dafür lassen sich mehrere Gründe nennen. Zum einen drang die ostmitteldeutsche Verkehrssprache, die durch den Ausgleich der verschiedenen Siedlerdialekte entstanden war und die Luther für seine Bibelübersetzung verwendet hatte, nicht bis in unsern weit entfernten alemannischen Raum vor. Und zum andern gehörte die Schweiz seit dem Schwabenkrieg 1499 de facto nicht mehr zum Deutschen Reich. Dazu kam Zwinglis Reformation, die 1531 die Zürcher Bibel in «Schwyzer Dütsch und Meinung», als Ausdruck nationaler Unabhängigkeit, hervorbrachte und so das schweizerische Alemannisch quasi zu einer eigenstän­digen Sprache machte.

So verharrten denn unsere alemannischen Mundarten der Schweiz, ganz anders als die übrigen regionalen Schreibsprachen, etwa das Fränkische oder das Sächsische, auf dem Lautstand des Mittelhochdeutschen und tun es bis heute, entwickelten sich also lautlich nicht mehr weiter. Ein Vergleich zweier sprachlicher Wendungen mag dies illustrieren. Die mittelhochdeutsche Wendung «mîn niûwez hûs» liest sich in einigen Schweizer Dialekten lautlich fast gleich: «miis nüüs Huus». Ähnlich die Wendung «liebe guote brüeder», die schweizerdeutsch als «liebi gueti Brüeder» erscheint. Die beiden Beispiele zeigen sehr schön, wie unsere Mundart die mittelhochdeutschen, einfachen Vokale («miis» statt «mein») und die Doppelvokale («guet» statt «gut») bewahrt hat. Übrigens hält sich das Schweizerdeutsche, aus einem nationalen Widerstand heraus, nicht nur im mündlichen Umgang, sondern auch als Schriftsprache teilweise bis ins 18. Jahrhundert – in der katholischen Innerschweiz länger als in den protestantischen Gebieten. Erst nach und nach vollzieht sich der Übergang der Stadtkanzleien von der älteren, schweizerischen zur neuhochdeutschen Schriftsprache, wie sie heute in unseren Schulen unterrichtet wird.

Seit den späten 1960er-Jahren ist in der Deutschschweiz eine Mundartwelle zu beobachten. Das Schweizerdeutsche dringt in viele Bereiche vor, die vorher der Standardsprache vorbehalten waren. Andererseits weicht der alte Wortbestand mehr und mehr hochdeutschen und englischen Wörtern. Dadurch werden die dialektalen Unterschiede zunehmend verwischt, entsteht das, was böse Zungen das Oltner Bahnhofbuffet-Deutsch nennen.

Mario Andreotti

Dozent für Neuere Deutsche Literatur und Buchautor