Warum Kim plötzlich zurückrudert

Nordkorea will vorerst von einem Militärschlag gegen den Süden absehen. Hat Kim Jong Un zu hoch gepokert?

Angela Kohler aus Tokio
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Der Nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un in einer undatierten Aufnahme.

Der Nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un in einer undatierten Aufnahme.

Bild: Korean Central News Agency/Korea News Service via AP

Das Gewitter ist verzogen – vorerst jedenfalls. Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un brach am Mittwoch sein wochenlanges Schweigen und liess die Propagandamaschine KCNA verkünden, dass sein Regime zunächst auf einen Militärschlag gegen Südkorea verzichten will.

Im Staatsfernsehen wurden Bilder gesendet, die den Diktator beim Vorsitz der Parteimilitärkommission zeigen. Dabei soll «eine Bestandsaufnahme der vorherrschenden Situation» erstellt worden sein und es wurde beschlossen, die militärischen Pläne auszusetzen. Mit rhetorischen Säbelrasseln hiess es lediglich einmal mehr, man habe Massnahmen zur «weiteren Stärkung der Kriegsabschreckung des Landes» besprochen.

Gründe für diesen scheinbaren Sinneswandel wurden nicht genannt. Aber dahinter steckt wohl kaum eine Läuterung des Regimes. Kim Jong Un hat offenbar jetzt erkannt, dass er ein totes Pferd reitet. Die provokante Sprengung des Verbindungsbüros zwischen Nord- und Südkorea in Kaesong und die demonstrative Truppenverlegung an die gemeinsame Grenze haben als geplante Eskalationsstufe nicht so recht gezündet, weil sich Seoul nicht provozieren liess. Beobachter vermuten, die Führung in Pjöngjang wechsle nun die Taktik, weil die Anti-Südkorea-Rhetorik wenig Raum für Flexibilität gelassen habe.

Die auf eine intensive Beobachtung des Kim-Regimes spezialisierte Website «38 Nord» warnt deshalb vor voreiligen Schlüssen. «Selbst wenn Nordkorea eine ernsthafte Eskalation vermeidet, ist es immer noch unwahrscheinlich, dass es in naher Zukunft diplomatische Verbindungen mit der Regierung des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In anstrebt.» Zweck dieser Deeskalation ist eher, dem Seouler Staatschef Zeit einzuräumen, um in Washington Fürbitte zu erreichen. Wie bei allen Aktionen der nordkoreanischen Führung geht es auch dieses Mal wieder um Geld und die Lockerung der Sanktionen.

Was Kim Jong Un weit mehr interessiert als die Beziehungen zum ungeliebten Nachbarn im Süden ist die Sorge, dass US-Präsident Donald Trump angesichts eigener innenpolitischer Probleme im Wahlkampf den Dialog mit Nordkorea weit hinten anstellt. Seit dem gescheiterten Hanoi-Gipfel 2019 liegen die Atomgespräche mit den Vereinigten Staaten nicht nur auf Eis, die Nukleardiplomatie ist eigentlich so gut wie zusammengebrochen. Kims Kalkül ist deshalb nachvollziehbar: Südkorea durch Drohungen und «Angebote» unter Druck bringen, um damit dessen Verbündeten USA unter Zugzwang zu setzen.