Analyse
Chinas Drohgebärden wegen der Pelosi-Reise: Wie wahrscheinlich ist ein Krieg gegen Taiwan?

Chinas Staatspräsident Xi Jinping scheint ob seiner wiederholten Kampfansagen sein Gesicht wahren zu wollen. Ein Krieg wäre jedoch nicht nur für Taiwan, sondern auch für China eine Katastrophe.

Felix Lill, Tokio
Felix Lill, Tokio
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Nancy Pelosi verbündet sich mit Taiwan.

Nancy Pelosi verbündet sich mit Taiwan.

Keystone

Der Besuch von Nancy Pelosi sorgte in Taiwan für Freude. Aber er sorgte auch für Lärm und Unwohlsein. Auf die Ankunft der 82-jährigen in Taipeh war man nämlich auch im benachbarten China vorbereitet. Am Dienstagabend begannen Militärmanöver vor der Küste Taiwans. Die Drohung, dass sich Peking die Insel Taiwan notfalls auch militärisch aneignen werde, wurde über die Jahre immer wieder ausgesprochen. Pelosi stellte einmal mehr klar: Amerika steht an der Seite Taiwans. Steuern China und die USA auf einen militärischen Konflikt zu?

Sicherheitsexperten erwarten, dass die chinesische Reaktion auf den Taiwan-Besuch Pelosis auch militärische Dimensionen erreichen könnte wie etwa Raketentests. In Taiwans Gewässer und dessen Luftraum drang das chinesische Militär zuletzt ohnehin vermehrt ein. Zudem hat Russland im Juni eine militärisch engere Zusammenarbeit mit China vereinbart.

Wladimir Putin und Xi Jinping haben eine enge Zusammenarbeit zwischen Russland und China vereinbart.

Wladimir Putin und Xi Jinping haben eine enge Zusammenarbeit zwischen Russland und China vereinbart.

Keystone

Ein Krieg um Taiwan ist deshalb allerdings noch nicht wesentlich wahrscheinlicher geworden. Vielmehr scheint Chinas Staatspräsident Xi Jinping ob seiner wiederholten Kampfansagen auch sein Gesicht wahren zu wollen, sodass er sich weiterhin in harscher Rhetorik übt. Ein tatsächlicher militärischer Konflikt aber wäre nicht nur für die Menschen in Taiwan eine Katastrophe, sondern auch für China und alle anderen Staaten der Welt.

Taiwan ist der weltweit mit Abstand wichtigste Produktionsstandort für Halbleiter, ohne die die Weltwirtschaft nicht mehr auskommt, weil sie in alle möglichen Elektroprodukte verbaut werden. Das Knowhow ist hochkompliziert und -diversifiziert, lässt sich nur über mehrere Jahre erlernen, während derer sich das Geschäft auch noch ständig weiterentwickelt. So sind Experten skeptisch, dass gerade bei den neueren Generationen von Mikrochips irgendein anderes Land mittelfristig Taiwan als Standort ersetzen könnte.

Dies ist zwar ein weiterer Grund, warum das 1,4-Milliardenland China über die letzten Jahre immer vehementer beteuert hat, die 23-Millioneninsel Taiwan sei Teil Chinas. Längst geht es nicht mehr nur um Geschichtspolitik: Zu Ende des chinesischen Bürgerkriegs 1949 flohen die besiegten Nationalisten nach Taiwan und riefen die Republik China aus, besser bekannt als Taiwan, was die siegreichen Kommunisten aber nie anerkannten. Neben dieser eher emotionalen Dimension des Konflikts steckt heute auch Geo- und Wirtschaftspolitik dahinter.

Felix Lill analysiert die Lage in Taiwan.

Felix Lill analysiert die Lage in Taiwan.

zvg

Aber gerade deshalb ist ein Konflikt um Taiwan wie ein rohes Ei: Ein Krieg würde nicht nur unschätzbar wertvolle Produktionsanlagen in Gefahr bringen, wodurch auch die mit Taiwan eng verflochtene chinesische Volkswirtschaft leiden würde. Weltweit würden Lieferketten auf noch ganz andere Weise zusammenbrechen wie zuletzt inmitten der Pandemie. Diverse Industriezweige in praktisch jedem Land der Welt wären in Gefahr.

Hinzu kommt, dass China als ökonomisch aufstrebende Volkswirtschaft zu den grössten Verliererinnen einer sich weiter desintegrierenden Globalisierung zählen würde. Ein Krieg würde allerdings höchstwahrscheinlich eine solche Folge haben. Und auch in diesem Wissen besteht die derzeitige Reise von Nancy Pelosi aus weiteren Destinationen in Asien: Singapur, Malaysia, Japan und Südkorea.

Die letzten beiden gehören seit Jahrzehnten zu den wichtigsten strategischen Partnern der USA, in ökonomischer wie sicherheitspolitischer Hinsicht. Aus Japan war über die letzten Monate schon zu hören, dass man im Falle eines Krieges auf der Seite Taiwans stünde.

China ist ökonomisch eng mit der Weltwirtschaft verzahnt und geriete durch einen Krieg gegen Taiwan womöglich auch handelspolitisch in eine schwierigere Lage. In Peking dürfte man dies wissen, auch wenn es in Drohgebärden nicht zu hören ist.