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Warum britische EU-Beamte bald keinen Job mehr haben

Der Brexit lässt auf sich warten. Doch wenn er kommt, hat er einschneidende Konsequenzen für viele Menschen – auch in Brüssel.
Remo Hess aus Brüssel
Brexit-Demonstranten vor dem britischen Parlament im «Mini-Europa» in Brüssel. (Bild: Olivier Hoslet/Keystone)

Brexit-Demonstranten vor dem britischen Parlament im «Mini-Europa» in Brüssel. (Bild: Olivier Hoslet/Keystone)

Brexit, Brexit, Brexit – seit über drei Jahren dominiert der EU-Austritt des Vereinigten Königreichs die europäische Politlandschaft. Dabei hat sich bis zum heutigen Tag rein gar nichts geändert. UK ist noch immer EU-Mitglied, mit allen Rechten und Pflichten.

Zweimal wurde das Austrittsdatum verschoben. Gut möglich, dass nach dem EU-Gipfel von Donnerstag und Freitag die dritte Verschiebung ansteht. Der Brexit bleibt vorerst ein Ankündigungs-Brexit. Für die einen Verheissung, für die anderen Schreckgespenst.

Einig ist man sich, dass der britische EU-Austritt ein historisches Grossereignis ist. Dieses in seiner Tragweite zu erfassen, fällt aus der Nähe manchmal schwer. Da kann es helfen, einen Schritt zurückzusetzen und zu versuchen, den Brexit abseits des politischen Tagesgeschäfts auf ein überschaubares Mass zu schrumpfen.

Brexit-Demonstranten im Kleinformat

Ein Ort, wo das möglich ist, ist «Mini-Europa». Der Erlebnispark steht auf dem Gelände der Weltausstellung von 1958 neben dem Atomium, dem Brüsseler Wahrzeichen. «Mini-Europa» ist das europäische Pendant zu «Swissminiatur» in Melide.

Wie in der Schweizer Miniatur-Welt wird auch hier alles im Massstab 1:25 geschrumpft. Von den Wikingersiedlungen in Trelleborg zur Kathedrale von Santiago de Compostela bis zum Pariser Eiffelturm: Europa komprimiert auf 24 000 Quadratmetern.

«Es herrscht eine miese Stimmung.»

Richard, Britischer EU-Beamter.

Es ist das Reich von Thierry Meeus, Eigentümer des 1989 eröffneten Parks. Zwischen den Soldatenfriedhöfen des Ersten Weltkriegs und dem Brügger Belfried-Turm erzählt er, wie die mehr als hundert Maquetten und über 30 Animationen in künstlerischer Kleinstarbeit gefertigt werden. Meeus legt besonderen Wert auf die historischen Details. Immerhin besuchen jährlich rund 400 000 Personen den Park und schauen bei ihren Heimatländern ganz genau hin.

Die Tour ist in Grossbritannien angekommen. Auf einem Hügel thront die Burg von Dover. Unten trennt der Ärmelkanal die Briten vom Festland. Herzstück des Ensembles ist der eindrückliche Westminster Palace mit dem weltberühmten Big Ben. Vor dem britischen Parlament stehen kleine Figuren und halten beschriftete Plakate in die Luft. Es sind die Brexit-Demonstranten, die auch im echten London seit Monaten täglich zu sehen sind.

Angesichts des Brexits müsste Thierry Meeus eigentlich die Baumaschinen auffahren lassen und Westminster samt Big Ben dem Erdboden gleichmachen. Denn «Mini-Europa» beschränkt sich auf die EU. Norwegen oder die Schweiz sucht man vergebens. Ebenso die Länder des West-Balkans oder die Ukraine. Das macht aus dem Erlebnispark ein hochpolitisches Terrain.

Meeus lächelt und gibt zu, dass auf den Brexit eine angemessene Antwort gefunden werden muss. Aber Westminster abzureissen, wäre ihm doch zu radikal. Natürlich ist das weniger eine Frage der Ideologie, sondern des Geldes: Eine Maquette in der Grössenordnung von Westminster Palace kostet weit mehr als 200 000 Euro, und der Big Ben wurde erst sechs Monate vor dem Brexit-Referendum teuer renoviert. Einen Abriss-Brexit kann sich «Mini-Europa» nicht leisten.

Stattdessen hat man sich etwas anderes einfallen lassen. Ab dem 31. Oktober (oder dann, wenn der Brexit wirklich stattfinden wird), wird eine Zollgrenze um das UK hochgezogen. Die Schilder sind bereits bestellt und treffen in den nächsten Tagen ein.

Sie tragen den Schriftzug: «Achtung, Sie verlassen die Europäische Union». Es sei ein Kompromiss, so Meeus. Aber: Zur Not könnte er immer noch einmal den Schlagbaum heruntersausen lassen und für die Besucher bei der Überquerung des Ärmelkanals einen kleinen Stau kreieren. Eine Tragödie sei der Brexit alleweil, so Meeus.

Ende der Karriereleiter

Das Gefühl, eine Tragödie zu durchleben, kennt man auch auf der anderen Seite der Stadt. Montags kommt auf dem Gelände der Freien Universität Brüssel eine rein britische Fussballmannschaft zusammen. Trainiert wird für Spiele in der «BXL Euroleague».

19 Nationalmannschaften bestehend aus EU-Beamten, Botschaftsmitarbeitern und Lobbyisten messen sich in einer Meisterschaft. Letztes Jahr gewann das UK-Team sowohl in der Gesamtwertung als auch im Cup.

«Es herrscht eine miese Stimmung», sagt Richard, ein britischer EU-Beamter und Spieler im «Team UK», der seinen richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Seit der Brexit-Abstimmung habe sich ein Gefühl der Unsicherheit breitgemacht.

Einige der besten Spieler hätten die Koffer bereits gepackt und sich in Richtung Grossbritannien verabschiedet. Andere bemühen sich um die belgische Staatsbürgerschaft. Bis auf einen begeisterten Brexit-Anhänger empfänden alle im Team den Brexit als Bedrohung. «Niemand weiss, wie es weitergehen wird», so Richard.

Der Brexit bedeutet für die meisten der rund 2000 Briten in den EU-Institutionen das Ende der Karriereleiter. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat zwar gesagt, dass man die britischen Beamten nicht fallenlasse. Doch das beruhigt niemanden. Beförderungen in höhere Positionen wird es für Briten kaum mehr geben.

Die meisten Verträge dürften nach ihrem Auslaufen nicht mehr erneuert werden. Von der Fussballmannschaft hat denn auch niemand mehr Lust, mit Journalisten über den Brexit zu reden. Ob bei der Arbeit oder im Privaten, das Thema begleite einen überall hin und sei für manche zu einer regelrechten Belastung geworden, so Richard. Dies auch vor dem Hintergrund der chaotischen Wendungen der britischen Innenpolitik.

Beim Fussballspielen könne man sich immerhin für einige Stunden ausklinken.

Die Woche der Wahrheit

Die EU ist mit den Brexit-Vorschlägen unzufrieden und setzt London zur Nachbesserung eine Frist bis gestern Abend. Bis Redaktionsschluss war das Ergebnis nicht bekannt.

Offen seien die Zollregelungen auf der irischen Insel, die Frage eines grösseren Mitspracherechtes der nordirischen Behörden und gleiche Rahmen- und Wettbewerbsbedingungen. Sollte es jetzt keine Einigung geben, müssten die Brexit-Gespräche nach dem für Donnerstag und Freitag angesetzten EU-Gipfel fortgeführt werden, sagte Barnier.

Premierminister Boris Johnson will, dass Grossbritannien am 31. Oktober die EU verlässt. Die Details einer Einigung sollen beim EU-Gipfel vereinbart werden, bevor am Samstag das britische Parlament darüber abstimmen soll. (sda)

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