Warum Afrika zur Flüchtlingskrise schweigt

KAPSTADT. Fast 900 Tote am Wochenende, vergangene Woche mindestens 400 Opfer, die auf der Flucht vom afrikanischen Kontinent im südlichen Mittelmeer ihr Leben liessen.

Wolfgang Drechsler
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KAPSTADT. Fast 900 Tote am Wochenende, vergangene Woche mindestens 400 Opfer, die auf der Flucht vom afrikanischen Kontinent im südlichen Mittelmeer ihr Leben liessen.

Kaum Kommentare der Medien

In den grossen afrikanischen Zeitungen wird die Flüchtlingskatastrophe weitgehend ignoriert, obwohl viele der Opfer Afrikaner sind. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen stattdessen lokale Fragen. Einziges aussenpolitisches Thema sind die Übergriffe schwarzer Südafrikaner auf Zuzüger aus anderen Teilen des Kontinents.

Dies gilt vor allem für die Zeitungen in Äthiopien, Nigeria oder Moçambique, deren Landsleute von den Pogromen am Kap direkt betroffen sind. So empört sich die äthiopische «ECADF» in einem Kommentar über die «skandalöse Untätigkeit» der südafrikanischen Regierung gegenüber den brutalen Übergriffen der eigenen Bevölkerung auf afrikanische Migranten.

Symptomatisch für die Berichterstattung auf dem Kontinent steht Südafrika: Zwar berichten fast alle Blätter im grössten Medienmarkt Afrikas über die Schiffsunglücke, doch werden ausschliesslich westliche Agenturberichte verwendet. Das liegt daran, dass fast keine einzige Zeitung am Kap über eigene Auslandskorrespondenten verfügt. Eigene Meinungsbeiträge zu den Vorkommnissen sucht man vergeblich. Nur auf einigen Facebook-Seiten wird munterer debattiert.

Meist nur regionale Themen

Das gleiche Bild findet sich in Ostafrika. Weder die kenianische «Daily Nation» noch der «Standard» beschäftigen sich tiefer mit der Tragödie im Mittelmeer, sondern widmen sich stattdessen ausführlich den Nachwirkungen des Terrorangriffs auf eine kenianische Universität vor mehr als zwei Wochen. Die toten Afrikaner im Mittelmeer schaffen es nicht einmal in die Online-Ausgaben beider Blätter. Auch Nigerias «This Day» übergeht das Thema und schreibt lieber über Studentenproteste in Lagos gegen südafrikanische Unternehmen.

Schuld wird in Europa gesucht

Selbst wenn die Medien in Afrika über die Flüchtlingsströme nach Norden berichten, werden selten die Hauptschuldigen dafür offen benannt: Afrikas Regierungen. Statt dessen ist, wie auch in den europäischen Medien, oft vom Versagen und der Schuld Europas die Rede. Meist mit moralisierendem Unterton beschweren sich afrikanische Journalisten über die «Hartherzigkeit» und «die Festung Europa».

Der südafrikanische Kommentator Barney Mthombothi schreibt allerdings mahnend: «Weit angemessener wäre es zu fragen, warum eigentlich die Afrikanische Union (AU), das Pendant zur Europäischen Union, angesichts der dramatischen Entwicklungen im Mittelmeer nicht auch zu einem Sondergipfel lädt, um über die Notlage vieler Afrikaner zu debattieren.» Doch die AU schweigt beharrlich. Seit Tagen ersucht die BBC dort um ein Interview. Doch alle Amtsträger lassen sich verleugnen – vermutlich, weil sie auch Fehlentwicklungen in Afrika eingestehen müsste.

Ursachen der Flucht kein Thema

Noch seltener als dem Thema selbst widmen sich die Blätter in Afrika den Ursachen der Massenflucht, dem eklatanten Mangel an Perspektiven und Hoffnungen für viele der jungen Menschen: Jobs gibt es oft nur über Schmiergelder, ärztliche Versorgung ist quasi inexistent, das Bildungswesen zumeist marode. Fast überall auf dem Kontinent gibt es ein explosives Gemisch aus Armut, Korruption und Perspektivlosigkeit, das vor allem die jungen Menschen immer öfter zur Flucht animiert.

Das weit verbreitete Schweigen liegt aber auch an der «Schere im Kopf» der meisten Journalisten auf dem Kontinent. Kein Wunder, wenn Präsidenten wie in Angola. Kamerun oder Simbabwe über 30 Jahre autoritär regieren.