Warten auf die Neuankömmlinge

In der palästinensischen Kleinstadt Beit Ummar südlich von Bethlehem rechnen die Menschen täglich mit der Ankunft jüdischer Siedler im benachbarten Beit El Baraka. Die Israeli haben das frühere Kirchengelände gekauft und restauriert.

Susanne Knaul
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Israelische Grenzpolizisten bewachen das Tor des Geländes Beit El Baraka. (Bild: ap/Mahmoud Illean)

Israelische Grenzpolizisten bewachen das Tor des Geländes Beit El Baraka. (Bild: ap/Mahmoud Illean)

BEIT UMMAR. Acht Gebäude stehen auf dem früheren Kirchengelände. Mitte Juni genehmigte das israelische Verteidigungsministerium den neuen Besitzern die Renovierung der 60 Jahre alten Häuser. «Zugang für Fremde verboten», warnt auf Hebräisch und Arabisch ein Schild am verschlossenen Tor zum Gelände. Es liegt an der Hauptstrasse, die von Jerusalem vorbei an Bethlehem und Hebron bis ganz in den Süden des Westjordanlands führt. Soweit von aussen erkennbar, muss an den Häusern nicht allzu viel gearbeitet werden. Nur an einem Gebäude sind die Fensterscheiben kaputt.

Erst Kranke, dann Pilger

Schräg gegenüber auf der anderen Strassenseite liegt das Flüchtlingslager Al Aroub mit 10 000 Einwohnern, bewacht von Soldaten in einem Betonturm am Tor des Lagers. Beit Ummar ist ein paar hundert Meter südlich des umstrittenen Geländes. Die presbyterianische Kirche erwarb das Grundstück Mitte des letzten Jahrhunderts von arabischen Christen und errichtete das Beit El Baraka, das «Baraka-Haus», in dem anfangs eine Spezialklinik für Lungenkranke untergebracht war. Später wurde daraus eine Herberge für christliche Pilger. Vermutlich mitbedingt durch die zweite Intifada, die im September 2000 begann, blieben die Reisenden ins Heilige Land aus, und die Mittel fehlten, um die Kosten zu tragen. Über Jahre stand die Herberge leer, nur der palästinensische Hausmeister und seine Familie wohnen bis heute auf dem Gelände.

Judaisierung arabischer Viertel

Der jüdische US-Milliardär Irving Moskowitz erwarb schliesslich das 40 Quadratkilometer grosse Grundstück über einen Strohmann oder in diesem Fall eine Strohfrau. Die liberale Zeitung «Haaretz» berichtet nebulös von einer «schwedischen Instanz, die sich als Kirche ausgab und die von einer norwegischen Christin geleitet wird». Moskowitz ist bekannt dafür, palästinensischen Grund- und Hausbesitz anzukaufen, um ihn jüdischen Siedlern zur Verfügung zu stellen. Vor allem in Ostjerusalem treibt der Amerikaner die Judaisierung palästinensischer Wohnviertel voran. Laut «Haaretz» ist Beit El Baraka seit drei Jahren «als Eigentum einer Nonprofitorganisation registriert», vermutlich des Israel Land Fund unter der Leitung Arie Kings, der mit Moskowitz kooperiert, um «das Land Israel zu retten».

Die Regionalverwaltung der Siedler im Gusch Etzion, dem Siedlungsblock südlich Jerusalems, hat laut «Haaretz» bereits beantragt, das Grundstück der eigenen Zuständigkeit anzugliedern. Südlich des Gusch Etzion gibt es in der Region zwischen Bethlehem und Hebron bisher nur eine Siedlung. Das riesige Kirchengelände ist allein durch seine Lage an der Hauptstrasse von strategischer Relevanz.

«Sommerlager für Jugendliche»

Rein formal brauchen die Siedler eine Genehmigung des Verteidigungsministeriums, bevor sie die Häuser beziehen dürfen. Die gängige Praxis ist jedoch, in nächtlichen Aktionen Tatsachen zu schaffen, ohne die Zustimmung der Regierung abzuwarten. Oft vergehen Jahre, bevor die Minister über eine Räumung der auch nach israelischem Recht «illegalen Siedlervorposten» entscheiden, wenn überhaupt. Die derzeitige Koalition in Jerusalem ist so siedlerfreundlich wie keine vor ihr.

Für gewöhnlich schickt die Armee umgehend Patrouillen, welche die Siedler vor eventuellen Angriffen palästinensischer Nachbarn schützen sollen. Vor dem Tor des alten Kirchengeländes steht schon jetzt Tag und Nacht ein Armeejeep. «Gehen Sie bitte nicht zu dicht ran», warnt einer der Soldaten höflich. Auf dem Boden zeugen leere Hüllen Dutzender Rauchbomben von den heftigen Demonstrationen der vergangenen Wochen. «Wir erfuhren von dem Verkauf erst aus der Zeitung», sagt Younis Arar, palästinensischer Aktivist und Koordinator des Volkskomitees im südlichen Westjordanland. Der 42-Jährige lebt in Beit Ummar und erinnert sich noch gut an «Sommerlager für palästinensische Jugendliche, die hier früher stattfanden». Manchmal habe es auch Konferenzen gegeben. Im Haus mit den kaputten Fenstern sei der Speisesaal für die Gäste gewesen, in zwei abgelegeneren kleineren Häusern habe das Personal gewohnt.

Oft fliegen Steine

Seit ein paar Wochen ist das Gelände umzäunt. Arar deutet auf mehrere Überwachungskameras. «Wir sehen fast jeden Tag Arbeiter hier», sagt er. Die palästinensischen Volkskomitees setzen offiziell auf Gewaltlosigkeit, trotzdem fliegen oft Steine. Fast immer sind ausländische und israelische Friedensaktivisten an den Demonstrationen dabei. «Wir hoffen auf internationalen Druck und auf die Kirche», sagt Arar. Die beiden Patriarchen in Jerusalem solidarisierten sich mit den Palästinensern.

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