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War es Terror zum Kalifats-Jahrestag?

Der sogenannte Islamische Staat wird von der türkischen Regierung des Attentats auf den Istanbuler Flughafen bezichtigt. Der IS gerät in Syrien und Irak in immer grössere Bedrängnis. Versucht er militärische Schwäche mit Terror auch in Istanbul zu kaschieren?
Michael Wrase
Video-Still aus einem Propagandafilm des «Islamischen Staates». (Bild: ap)

Video-Still aus einem Propagandafilm des «Islamischen Staates». (Bild: ap)

LIMASSOL/ALEPPO. Vor genau zwei Jahren hatte der Jihadisten-Führer Abu Bakr al-Baghdadi in Mossul die Gründung eines «Kalifats» verkündet und sich selbst zum «Befehlshaber aller Gläubigen» ernannt.

Der Proklamation des islamistischen Para-Staates vorausgegangen war die Eroberung eines zusammenhängenden Gebietes im Nordwesten Iraks und im Osten Syriens.

Propaganda und Realität

Der gestern begangene «zweite Jahrestag der Kalifats-Gründung» ist für den IS noch immer ein Grund zum Feiern: In einem am Dienstag ins Netz gestellten 18minütigen Propagandafilm ist die Terrormiliz darum bemüht, ein Bild des Friedens und der Harmonie zu zeichnen.

Es werden Bilder von überquellenden Märkten gezeigt, auf denen zufriedene Bürger das Leben im «Kalifat» lobpreisen. Islamisten aus neun islamischen Staaten schwören dem Kalifen ihre Treue und rufen zum heiligen Krieg gegen ihre Regierungen auf. Das Leben in einem «unabhängigen und autarken islamischen Wohlfahrtsstaat», in dem die Armut langsam verschwinde, sei erstrebenswert, lautet die Botschaft. Notwendig sei lediglich etwas Durchhaltewillen gegen die «Bomben der Kreuzfahrer-Staaten». Die Wirklichkeit in dem seit fast einem Jahr stetig schrumpfenden «Islamischen Staat» sieht ganz anders aus: Nach der weitgehenden Zerstörung der primitiven Ölindustrie wird das Geld immer knapper. Der Sold der Kämpfer musste halbiert werden, was Auswirkungen auf die Kampfmoral hat.

Auf Unlust und Fahnenflucht reagiert der IS mit unvorstellbar grausamen Schockvideos, in denen vermeintliche Spione bei lebendigem Leibe verbrannt werden und Söhne ihre Väter erschiessen müssen.

Dramatische Auswirkungen hat für den IS vor allem die militärische Lage in Syrien. Dort ist die Terrormiliz in Manbij, einer ihrer Hochburgen, inzwischen vollständig umzingelt. Die 80 000-Einwohner-Stadt liegt nur 40 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Damit scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis der IS vollständig vom überlebenswichtigen Nachschub aus der Türkei abschnitten sein wird.

Von Ankara spät fallengelassen

Als das «Kalifat» vor zwei Jahren proklamiert wurde, hatte die IS-Führung noch die stillschweigende Duldung der türkischen Regierung genossen.

Ankara hoffte mit Hilfe der Jihadisten die syrischen Kurden von der türkischen Südgrenze zu vertreiben – und erreichte bekanntlich das Gegenteil: Mit amerikanischer Unterstützung konnte die kurdisch dominierte Demokratische Front (SDF) die islamistische Terrormiliz fast aus dem gesamten Nordwesten von Syrien vertreiben. Der IS konnte danach von Ankara nicht mehr als nützliche Schachfigur im syrischen Bürgerkrieg eingesetzt werden und wurde von Ankara – viel zu spät – fallengelassen.

Möglicher Preis falscher Politik

Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, mit dem die Jihadisten lange eine Art Burgfrieden gehalten hatten, wurde daraufhin vom IS zum «Feind des Islam» erklärt. Vorläufiger Höhepunkt der Terrorkampagne der Jihadisten könnten deshalb in der Nacht auf gestern die Selbstmordanschläge auf den Flughafen Atatürk von Istanbul gewesen sein. Vorerst haben die Jihadisten dazu keine Erklärung abgegeben. Mit Terror am Bosporus könnten sie aber versucht haben, aus ihrer Sicht Stärke zu demonstrieren, um damit die eklatante militärische Schwäche in ihrem schrumpfenden «Kalifat» zu vertuschen.

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