WAHLEN: Kenia besteht Demokratietest

Laut EU-Beobachtern kam es bei den Präsidentenwahlen zu keinen Manipulationen. Bisher blieben auch schwere Stammeskonflikte aus – doch auf das Land warten grosse Herausforderungen.

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Mit den Wahlen in Kenia hat die langsame Annäherung Afrikas an demokratischere Verhältnisse ­zumindest einen kleinen Schritt nach vorne getan. Zwar kam es nach der nun fast sicheren Wiederwahl von Präsident Uhuru Kenyatta (55) auch gestern wieder zu einzelnen Zusammenstössen in den Slums der Hauptstadt Nairobi und in der Oppositionshochburg Kisumu.

Doch anders als vor zehn Jahren, als das Land durch blutige Stammeskämpfe fast in einen Bürgerkrieg gestürzt wäre, blieb die Lage in dem ostafrikanischen Land diesmal vergleichsweise ruhig. Dennoch fühlten sich einige Beobachter an die Unruhen im Jahr 2007 erinnert, als über 1000 Kenianer starben.

Die Wahlkommission des Landes verteidigte sich gestern gegen Vorwürfe der Manipulation und schrieb, es habe weder vor noch während oder nach der Wahl am Dienstag irgendeine Beeinflussung gegeben. Auch die Wahlbeobachter des Europäischen Parlamentes sprach von insgesamt fairen Wahlen. Kenyatta lag gestern mit mehr als 54 Prozent der Stimmen klar vor seinem Rivalen Raila Odinga, der auf etwas mehr als 44 Prozent kam. Wann der amtliche Wahlsieger bekanntgegeben wird, ist unklar. Die Wahlkommission hat dafür bis zu eine Woche Zeit.

Verständnis des Staats als Einnahmequelle

Dass es in Afrika ungleich häufiger als anderswo zu oft eklatantem Wahlbetrug kommt, liegt nach Ansicht des inzwischen verstorbenen kenianischen Politikprofessors Ali Mazrui zum einen an dem aus westlicher Sicht fehlenden Demokratiebewusstsein. Wahlen, so Mazrui, schafften oft Uneinigkeit und passten deshalb schlecht in das von Konsens und Harmonie geprägte Weltbild der Afrikaner. Zum anderen würden die Eigenheiten des (europäischen) Nationalstaats in Afrika mit den traditionellen Normen der dortigen Gesellschaften verknüpft. Geprägt wird dieses Wechselspiel von einer fast unumschränkten Machtfülle des Staatschefs – und einem Verständnis vom Staat, das diesen zumeist als reine Einnahmequelle betrachtet.

Weil der Wahlverlierer in Afrika fast immer mit leeren Händen ausgeht, sehen die meisten afrikanischen Politiker in den Urnengängen mit einigem Recht ein Nullsummenspiel. «Man befürchtet, bei einer Niederlage von den Ressourcen abgeschnitten zu werden, und kämpft mit allen verfügbaren Mitteln dagegen an», konstatiert der kenianische Publizist Koigi wa Wamwere.

Viele Afrikaner bleiben dem Stammesdenken verhaftet

Die Unterstützung der Zivilgesellschaft im Zuge der Entwicklungshilfe hat daran wenig geändert. Im Gegenteil: Die oft dreiste Selbstbedienungsmentalität der Eliten in Afrika hat vielmehr dazu beigetragen, dass die dünne demokratische Decke oft frühzeitig erodiert. Schon aus Enttäuschung über ihre fortgesetzte Verarmung bleiben viele Afrikaner, wie auch in Kenia, deshalb einem oft extremen Stammesdenken verhaftet und kennen keine stärkere Loyalität gegenüber der neugeschaffenen Nation.

Anders als weite Teile Afrikas verfügt Kenia aber zumindest über eine Volkswirtschaft, die von der Landwirtschaft über das Dienstleistungsgewerbe bis zum IT-Sektor relativ breit aufgestellt ist. So entstand in der kenianischen Hauptstadt Nairobi vor zehn Jahren in einem Ex-Einkaufszentrum eine Art Zukunftslabor, das in Anlehnung an das viel grössere Pendant in Kalifornien stolz den Namen «Silicon Savannah» trägt. Gedacht war es als eine Art digitale Entwicklungshilfe nach dem Vorbild Indiens, wo in den 1980er-Jahren ein IT-Boom für einen Modernisierungsschub gesorgt hatte. In Kenia trägt der IT-Sektor heute mehr als 5 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei.

Allerdings sind einige der westlichen Geldgeber, die im Silicon Savannah ein Start-up kaufen wollten, schon enttäuscht weitergezogen. Denn die Auswahl ist überschaubar. Zudem bremsen komplexe Steuerge­setze und der hohe Mangel an ­Fachkräften die Euphorie. Schliesslich ist die Infrastruktur selbst im vermeintlich aufstrebenden Ostafrika oft rudimentär, auch wenn inzwischen eine neue Eisenbahnlinie die Hafenstadt Mombasa mit Nairobi verbindet.

Erschwerend kommt hinzu, dass Kenia unter einem viel zu hohen Bevölkerungswachstum sowie hoher Arbeitslosigkeit leidet: Seine Bevölkerung wächst pro Jahr um 2 Prozent und dürfte sich bis 2050 von derzeit 48 Millionen auf fast 100 Millionen mehr als verdoppeln. Es werden Schulen, Hospitäler und vor allem Jobs fehlen. Bereits jetzt ist die Hälfte der Kenianer jünger als 24 Jahre – und 40 Prozent ohne Arbeit.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt