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Die Kriegshelden haben ausgedient – und zwei weitere Erkenntnisse zum Wahlausgang im Kosovo

Das jüngste Land Europas hat am Sonntag gewählt. Zwei bisherige Oppositionsparteien schnitten am besten ab und werden aller Voraussicht das Land gemeinsam regieren. Die alte Kriegsgarde, die den Kosovo seit Ende des Krieges 1999 anführte, hat ausgedient. Drei Erkenntnisse zum historischen Wahlergebnis.
Samuel Schumacher
Alles neu im Kosovo: Die einstige Opposition kommt im kleinen Land an die Macht. (Bild: Keystone)

Alles neu im Kosovo: Die einstige Opposition kommt im kleinen Land an die Macht. (Bild: Keystone)

Die alten Kriegshelden haben sich ihren Respekt verspielt

Genau 20 Jahre nach dem Ende des blutigen Krieges, den die abtrünnige serbische Provinz Kosovo gegen Serbien zwischen 1998 und 1999 ge- führt hat, haben die Unabhängigkeitskämpfer von damals ihre politische Macht mehrheitlich verloren. Dabei waren sie es doch, die dem Kosovo den Weg in eine eigenständige Zukunft erst freiräumten. So zumindest sahen das einstige Rebellen wie Ex-Premier Ramush Haradinaj oder der amtierende Präsident Hashim Thaçi.

Doch die Kriegshelden haben sich als politische Lenker des Landes weit weniger geschickt angestellt als damals im Kampfverband gegen die serbischen Unterdrücker. Ihr korruptes Geschacher – alleine die Partei von Präsident Hashim Thaçi soll laut dem «Tages-Anzeiger» jährlich rund 200 Millionen Franken mit allerhöchstens halblegalen Geschäften verdienen – hat ihrem Ruf schwer geschadet.

Zudem droht den Kriegshelden Ungemach vom neuen Sondergericht für die Verbrechen im Kosovo-Krieg in Den Haag. Trotzdem kommt der politische Fall unvermittelt. Die kosovarischen Wähler haben die alten Garden rassiger abgestraft, als das so manche Beobachter erwartet hätten.

Das junge Land dürstet nach neuen Gesichtern und Ideen

Der neue Held des Kosovo heisst Albin Kurti. Sein erklärtes Ziel: Schluss mit dem Gemauschel! Der kraushaarige 44-jährige Polit-Rebell mischt die Debatten im Kosovo seit den späten 90er-Jahren auf und ist auf dem besten Weg, am Ende der anstehenden Koalitionsverhandlungen als neuer Premierminister eingesetzt zu werden.

Albin Kurti

(Bild: Keystone)

(Bild: Keystone)

Albin Kurti, 44, ist der Chef der links-nationalistischen Partei Vetëvendosje! (auf Deutsch: Selbstbestimmung!), der Wahlsiegerin vom vergangenen Sonntag. Die Chance ist gross, dass Kurti neuer kosovarischer Premierminister wird. Der Elektroingenieur war Anführer des studentischen Widerstands gegen die serbische Besatzung während des Kosovo-Krieges und wurde 1999 in der kosovarischen Hauptstadt von der serbischen Polizei verhaftet. Die serbische Justiz verurteilte ihn wegen «Bedrohung der nationalen Integrität» zu 15 Jahren Haft. Zwei Jahre später kam er auf internationalen Druck hin frei. Kurti gilt als glaubwürdiger Kämpfer gegen die Korruption, träumt von einer Vereinigung des Kosovo mit Albanien, ist gegen jegliche Landtausch-Deals mit Serbien und gegen das neue Sondergericht, das sich mit den Verbrechen der kosovarischen Befreiungsarmee im Kosovo-Krieg befasst. Er ist mit einer Norwegerin verheiratet und lebt in Pristina. (sas)

Mit seiner linken Protestpartei Vetëvendosje! holte er nach Stand bei Redaktionsschluss 25,8 Prozent der Wählerstimmen. Die moderat-konservative Partei Demokratische Liga des Kosovo mit Spitzenkandidatin Vjosa Osmani holte 25 Prozent der Stimmen. Aller Voraussicht nach wird Kurti von Präsident Hashim Thaçi, seinem politischen Erzfeind, den Regierungsbildungsauftrag erhalten und mit Vjosa Osmani zukünftig den Kosovo regieren.

Vjosa Osmani

(Bild: Keystone)

(Bild: Keystone)

Vjosa Osmani, 37, hat’s 2017 schon einmal allen gezeigt: Von ihrer Partei, der konservativen Demokratischen Liga (LDK), wurde sie auf den letzten Listenplatz gesetzt. Und trotzdem holte sie über 64 000 Stimmen: mehr als jede andere weibliche Abgeordnete im kosovarischen Parlament. Die Juristin, die einst in Amerika studiert hat und heute an der Universität in Pristina Völkerrecht unterrichtet, ist Expertin in Sachen Aussenpolitik und Korruptionsbekämpfung. Sie arbeitete einst für die UNO und hat den ehemaligen kosovarischen Präsidenten Fatmir Sejdiu beraten. Osmani spricht fünf Sprachen und gilt als hartnäckige Kämpferin, die sich auf dem von Männern dominierten politischen Parkett des Kosovo bislang prima geschlagen hat. Frauen wie sie sind (noch) eine Seltenheit in der jungen Republik. Nur eines der 21 Ministerien wird derzeit von einer Frau kontrolliert. Alle 38 politischen Gemeinden des Landes haben einen männlichen Bürgermeister. (sas)

Kurti hat vor seinem politischen Aufstieg viel durchgemacht. Im Krieg wurde er von den Serben festgenommen und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Erst auf Druck des Westens kam er wieder frei. Genau mit diesem Westen aber geht Kurti heute hart ins Gericht.

In einem Interview mit dieser Zeitung sagte er im vergangenen Jahr, Europa müsse aufhören, den Kosovo als rückständiges Armenhaus zu betrachten. Man brauche niemanden, der einem mit Aufsichtsbehörden bevormundet und einem gleichzeitig den Weg zur Freiheit versperrt (Kosovo ist bis heute das einzige europäische Land, dessen Bürger ein Visum für die Einreise in den Schengenraum brauchen). Kurti will, dass sich der Kosovo selber reformiert: Er will einen Drittel der derzeit 21 Ministerien schliessen und einen Schlussstrich ziehen unter die Sondergerichte, die nur alte Kriegswunden neu aufreissen würden.

Paradoxerweise war es genau das neue Sondergericht für die Verbrechen im Kosovo-Krieg, das den letzten Premier Ramush Haradinaj vorgeladen und ihn damit zum Rücktritt bewegt hatte. Ohne das Sondergericht – das Kurti selbst als «unfair und gefährlich» verurteilt, weil es nur albanische Täter untersucht – wäre der politische Querschläger heute also weit weniger nah an den Hebeln der Macht.

Der Kosovo braucht neue Vorbilder ausserhalb der Politik

Keine Schengen-Einreise ohne Visum, grassierende Korruption, nur jeder vierte Mann (und nur jede achte Frau) mit einer Festanstellung und eine der ärmsten Bevölkerungen Europas: Die 1,8 Millionen Kosovaren haben allen Grund zur Sorge. Die wahren Probleme des Lebens werden allerdings oft überdeckt von neuen Spannungen mit dem unliebsamen Nachbarn Serbien, der den Kosovo noch immer nicht anerkennt. Ohne zielführende Gespräche mit den Serben aber bleibt beiden Ländern der lange Weg in die EU versperrt.

Die neuen Helden des Kosovo müssen über ihren Schatten springen und darauf hoffen, dass es ihnen ihre serbischen Pendants gleichtun. An Vorbildern dafür mangelt es nicht. Zu suchen sind die allerdings nicht in den alten Geschichtsbüchern über die Schlachten des Kosovo-Kriegs, sondern beispielsweise im Sport. Die kosovarische Fussball-Männernati etwa darf von der ersten Qualifikation für die Europameisterschaft träumen. Die Nachwuchs-Judo-Kämpferin Majlinda Kelmendi hat olympisches Gold für ihre Heimat geholt. Und die kosovarische Extremsportlerin Uta Ibrahimi ist drauf und dran, alle vierzehn 8000er dieser Welt zu erklimmen. Junge Kosovaren zeigen, was es für wahre Heldentaten braucht: eiserne Disziplin. Alles andere bringt nichts.

Ohne Schweizer Millionen ginge wenig im Kosovo

1,8 Millionen Menschen leben im jüngsten Staat Europas, der erst seit 2008 unabhängig ist. 534 Franken verdienen Kosovaren im Schnitt pro Monat. Die Jugendarbeitslosigkeit von 52 Prozent gehört zu den höchsten Europas. Dafür sind die Schulen nirgendwo schlechter. In der letzten Pisa-Studie landete der Kosovo auf Rang 75 von 77. Die Verbindungen zur Schweiz sind sehr stark. Rund 180 000 Kosovaren leben in der Eidgenossenschaft. Manche kamen einst als Gastarbeiter, viele aber als Flüchtlinge während des Kosovokrieges (1998 bis 1999). Im Jahr 2016 überwiesen sie 156 Millionen Euro in die Heimat. Das sind rund zehn Prozent des Staatshaushalts (1,4 Milliarden Dollar). Die Schweiz war 2008 eines der ersten Länder, das den Kosovo als unabhängigen Staat anerkannt hat. Bis heute sind 165 Schweizer Soldaten bei der internationalen Friedenstruppe Kosovo Force (Kfor) im Kosovo stationiert. Das kostet die Schweiz jährlich gut 30 Millionen Franken. (sas)

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