Priester Kalamba zum Urnengang im Kongo: «Wahl ohne Blutbad ist ein Erfolg»

Der in der Schweiz tätige kongolesische Priester Joseph Kalamba spricht über den überraschenden Wahlausgang in seiner Heimat - und zeigt sich zufrieden, auch wenn es offene Fragen gibt.

Interview: Dominik Weingartner
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Anhänger von Félix Tshisekedi feiern am 24. Januar in Kinshasa die Inauguration des neuen Präsidenten. (Bild: John Wessels/AFP)

Anhänger von Félix Tshisekedi feiern am 24. Januar in Kinshasa die Inauguration des neuen Präsidenten. (Bild: John Wessels/AFP)

Joseph KalambaFoto: Stefan Kaiser (Neue ZZ)

Joseph Kalamba
Foto: Stefan Kaiser (Neue ZZ)

Die Wahlen in der Demokratischen Republik Kongo haben einen Sieger hervorgebracht. Seit Ende Januar ist Félix Tshisekedi neuer Präsident des Landes. Der unterlegene Kandidat Martin Fayulu wirft Tshisekedi und dem langjährigen Machthaber Joseph Kabila Wahlbetrug vor. Trotz diesen Nebengeräuschen betrachtet der auch in der Schweiz predigende kongolesische Priester Joseph Kalamba (siehe Box unten) die Wahl als Erfolg.

Wie nehmen Sie die aktuelle Lage in Ihrer Heimat Kongo wahr?

Joseph Kalamba: Die Frage ist: Ist das Glas halb leer oder halb voll? Das ist der Unterschied zwischen der afrikanischen und der europäischen Sicht. Die europäische tendiert zum Negativen. Die afrikanische versucht, beides in die Balance zu bringen. Fast drei Jahre lang wurden die Wahlen verschoben. Dass sie nun stattgefunden haben, ist schon fast ein Wunder und bereits positiv.

Aber es ist nicht alles reibungslos abgelaufen.

Bis fünf Minuten vor der Wahl wusste man nicht, ob überhaupt gewählt werden würde. Es gab einen Grossbrand, bei dem 8000 Wahlmaschinen zerstört worden sind. Eine Woche vor der Wahl waren die Wahlmaschinen nicht überall im Hinterland. Durch den Brand hat man die Wahl vom 23. auf den 30. Dezember verschoben. Die Stimmung war von Misstrauen geprägt. Dazu kam die Verschiebung des Urnengangs in Beni und Butembo im Osten wegen Ebola-Risiken und in der Region Yumbi im Bandundu wegen ethnischen Auseinandersetzungen, die im Dezember etwa 800 Todesopfer forderten. Trotz all diesen negativen Faktoren ist die Wahl im Grossen und Ganzen friedlich verlaufen. Das ist etwas Erfreuliches. Es ist das erste Mal, dass ohne Blutbad gewählt wurde.

Es gab Manipulations- vorwürfe. Die Kirche hat ein anderes Ergebnis veröffentlicht, das von einem Sieg von Martin Fayulu spricht. Was ist an den Vorwürfen dran?

Das ist offen, aber gut vorstellbar, wenn man an die bisherige Überlebensstrategie des Kabila-Regimes denkt. Auch sein Sieg bei den Wahlen 2011 war nicht sauber. Für viele Kongolesen ist es jetzt eine grosse Freude, dass der Wunschkandidat von Kabila, Emmanuel Shadary, vom Volk nicht akzeptiert worden ist. Allein beim offiziellen Ergebnis haben 70 Prozent für die beiden Oppositionskandidaten Félix Tshisekedi und Martin Fayulu gestimmt. Die katholische Kirche hat über 40 000 Wahlbeobachter ausgesandt. Davon waren viele in den Wahlbüros. Aber der Weg von dort zu den Auszählungszentren wurde von wenigen unabhängigen Beobachtern mitgemacht. Eine These ist, dass Kabila gesehen hat, dass Shadary so weit hinten liegt, dass es einen Plan B brauchte. Dieser lief über Tshisekedi. Ich habe keine Beweise dafür, kann mir das aber gut vorstellen.

Félix Tshisekedi ist der Sohn eines sehr bekannten verstorbenen Oppositionellen. Wie kann es sein, dass er sich vom Kabila-Regime kaufen lässt?

Ob er sich hat kaufen lassen, weiss ich nicht. Ich weiss auch nicht, was die beiden vereinbart haben. Das Regime stand vor verschiedenen Optionen. Fayulu ist ein rotes Tuch für Kabila, weil dessen Unterstützer persönliche Feinde von ihm sind. Wenn Shadary gewinnt, besteht die Gefahr, dass die Opposition sich verbündet und auf die Strasse geht. Und dann gab es die Möglichkeit von Verhandlungen mit Félix Tshisekedi, um diese Konfrontation zu vermeiden. Es scheint, dass Félix nicht so radikal ist wie sein Vater. Ob das ein Vor- oder ein Nachteil ist, wird man sehen.

Was bedeutet dieser Deal für Kabilas Macht?

Für Kabila ist es ein Amtsverlust, aber kein Machtverlust. Tshisekedi hat nicht die Mehrheit im Parlament, Kabilas Allianz hat sie dort. Das heisst Tshisekedi muss sowieso mit Kabilas Leuten zusammenarbeiten. Inwiefern Tshisekedi sein Programm umsetzen kann, ist fraglich. Er muss kämpfen, sonst ist das Volk enttäuscht. Ich hoffe, dass der neue Präsident nicht vergisst, woher er kommt. Er kommt aus dem Volk. Und das Volk leidet, besonders im Hinterland, weil zu wenig Lebensmittel, sauberes Wasser, Strom, Strassen und Schulen vorhanden sind.

Wie gross ist Ihre Hoffnung, dass ihm das gelingt?

Er muss an seinen Vater Etienne denken, der fast 40 Jahre lang gegen Diktatur und Ausbeutung gekämpft hat. Félix hat die Aufgabe, alles zu tun für das Volk. Sein Vater sagte immer: «Zuerst die Interessen des Volkes.» Das ist ein Slogan zum Kampf gegen korrupte Behörden im Land und im Ausland gegen die Wirtschaftsmafia mit den internationalen Minenkonzernen.

Die Armut ist in gewissen Gebieten im Kongo sehr gross. Gleichzeitig ist das Land sehr reich an Rohstoffen. Wie kann es sein, dass nichts von diesem Reichtum bei den Menschen ankommt?

Das ist das Paradox des Kongos. Es ist nicht zu verstehen. Ein Beispiel: Die Zukunft der Mobilität ist elektrisch. Für Elektroautos brauchen die Industrieländer viel Kobalt. Der Kongo verfügt über viel Kobalt. Die neue Regierung muss dafür kämpfen, dass das Volk davon profitiert.

Der Kongo war bis vor 60 Jahren unter brutaler Kolonialherrschaft der Belgier. Inwiefern ist das bis heute spürbar?

Die Kolonialzeit hat uns in vielen Bereichen bis heute geprägt, sowohl positiv als auch negativ. Was die politische Situation betrifft: Das Verschwinden des ­ersten Premierministers Patrice Lumumba ist bis heute ungeklärt und hat bei vielen meiner Landsleute einen bitteren Nachgeschmack behalten.

Wo liegt die Verantwortung von Europa für den derzeitigen Zustand Afrikas? Gibt es diese Verantwortung überhaupt noch?

Die Ursachen für die Armut liegen auf beiden Seiten. Man muss die Komplexität der Faktoren berücksichtigen. Man erzählt sich, dass Kabilas Clan sich stark bereichert hat, seine Familie ist stark involviert im Minengeschäft. Da kann man nicht mit dem Finger auf die Europäer zeigen. Aber es gibt sicher eine Verantwortung von Europa, aber nicht nur. Heute ist auch China im Spiel. China erobert zurzeit ganz Afrika, auch den Kongo, ganz ohne Lärm.

Wie sehen Sie die Rolle der Schweiz?

Vor einigen Wochen war Euer Aussenminister Ignazio Cassis in Afrika. Er scheint mir sehr unkritisch zu sein. Es geht nicht um Almosen, sondern um einen gerechten Preis. Inwieweit sind europäische Firmen dazu bereit, für die Rohstoffe einen gerechten Preis zu zahlen? Es geht aber auch um einen schonenden Umgang mit der Umwelt und um soziale Fragen der Arbeiterschaft. Hilfsorganisationen sollen dem Bundesrat helfen, um objektiver und kritischer zu sein bei dieser Problematik.

Joseph Kalamba: Bis heute als Priester in der Schweiz tätig

Joseph Kalamba wurde in der südkongolesischen Provinz Kasai geboren. Der heute 62-Jährige studierte in Freiburg und war danach im Bistum Basel tätig. Nach einigen Aushilfsmessen in Rothrist wurde Kalamba Pfarradministrator in Bellach im Kanton Solothurn.

1994 kehrte er zurück in seine Heimat. Im September 1999 wurde er in die Schweiz eingeladen für einen Missionsaustausch in Basel, wo er mit einem jungen Priester namens Felix Gmür zusammenarbeitete, dem heutigem Bischof des Bistums Basel. 2002 übernahm Kalamba die Pfarrerstelle im zugerischen Baar. Diesen Posten hatte er bis 2013 inne. Als Fidei-Donum-Priester im Bistum pendelt er jetzt zwischen Solothurn, wo er aufgrund des akuten Priestermangels Aushilfe in vielen Pfarreien leistet, und seiner Heimat Kongo. Dort ist er Professor – hält Theologie- und Philosophievorlesungen an drei Priesterausbildungsstätten – und auch Koordinator der sozialen Entwicklungsarbeit in der Provinz Kasai.

Das von ihm gegründete Zentrum für Landwirtschaft von Coobidiep ist ein langjähriger Partner von Fastenopfer. Das Projekt hat zum Ziel, die Nahrungssicherheit und die gesellschaftliche Stellung der Frauen in 40 Dörfern der Region um Kamutanga zu verbessern. (dlw)