Wahl in Zeiten der Krise: Jeder Argentinier kennt den Wechselkurs

Am Sonntag könnten in Argentinien die Peronisten an die Macht zurückkehren. Im Land wächst die Sorge vor neuen wirtschaftlichen Verwerfungen.

Sandra Weiss aus Buenos Aires
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Eine Wechselstube in Buenos Aires. (Bild: AP, 8. Mai 2018)

Eine Wechselstube in Buenos Aires. (Bild: AP, 8. Mai 2018)

Wenn der Ökonom Rafael Flores seine Studenten an der Universität von Buenos Aires in die Geheimnisse der argentinischen Wirtschaft einweiht, greift er auf eine hypothetische Grossmutter zurück: «Nehmen wir an, sie hätte im Jahr 1969 zehn Billionen Pesos im Garten vergraben», sagt der Wirtschaftswissenschaftler und malt eine Zehn mit haufenweise Nullen an die Tafel. «Das waren damals 28,5 Milliarden US-Dollar. Wie viel wäre ihr Geld heute wert?» Ratlose Gesichter. Die Antwort erfordert eine wirtschaftshistorische Doktorarbeit durch ein Labyrinth von Rezessionen, Defaults, Währungsumstellungen, Inflationen und Abwertungen. Das Ergebnis: ein Peso – mit einem Gegenwert von einem Eurocent.

Diese Übung erklärt, warum sich Ökonomen und Psychoanalytiker in Argentinien so grosser Beliebtheit erfreuen: Der Peso und sein Gegenwert zum Dollar sind eine nationale Obsession. Kaum ein Argentinier, der nicht den aktuellen Wechselkurs kennt.

Warteschlangen vor dem italienischen Konsulat

Wirtschaft und Politik sind in Argentinien enger verflochten als anderswo. Und wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl stehen die Zeichen auf Sturm: Als Präsident Mauricio Macri, der sich zur Wiederwahl stellt, vor vier Jahren sein Amt antrat, stand der Peso bei 10 zum Dollar, heute ist er bei 58, die Inflation ist auf 53 Prozent geklettert. Dabei war der liberale Unternehmer angetreten, die Wirtschaft flott und Argentinien wieder kreditwürdig zu machen. Er hat die staatlichen Kapitalverkehrskontrollen aufgehoben und versucht, Subventionen zu streichen, um die Staatsfinanzen zu sanieren – doch die erhofften Investitionen blieben aus, und das Spekulationskapital zog bei den ersten Wolken panisch ab.

Noch ist Argentinien von den dramatischen Bildern des letzten Crashs enfernt, als Barrikaden brannten und aufgebrachte Sparer die Banken stürmten. Doch es herrscht latente Spannung in Erwartung der nächsten Krise. Die Schlangen vor dem italienischen Konsulat sind wieder länger geworden, wo Argentinier mit italienischen Vorfahren für einen EU-Pass anstehen. «Ich sehe hier keine Zukunft», sagt Martín Méndez, 20-jähriger Agronomie-Student. «Macri ist das kleinere Übel, aber er hat nichts auf die Reihe gekriegt, und jetzt kommt vermutlich die andere Diebesbande wieder.»

Damit meint er die Clique der wegen Korruption angeklagten Expräsidentin Cristina Fernández de Kirchner. Sie tritt am Sonntag als Vize an – vorgeschoben hat sie ihren juristisch unbescholtenen ehemaligen Kabinettsminister Alberto Fernández. Das Duo Fernández-Fernández entstammt der peronistischen Sammelbewegung. Während Cristina den linkspopulistischen Flügel bedient, steht Alberto für eine eher pragmatische Sozialdemokratie. Vor allem aber sind die beiden im Gegensatz zu Macri und seinem Technokraten-Kabinett Vollblutpolitiker. Sie haben es geschafft, Provinzgouverneure, Gewerkschaften, staatliche Beamte, Kirchenleute und soziale Bewegungen auf ihre Seite zu ziehen – vor allem seit Fernández bei den Vorwahlen im Sommer einen haushohen Vorsprung vor Macri einfuhr, der ihm laut Umfragen am Sonntag den Sieg bereits in der ersten Runde ermöglichen könnte.

Der Kandidat klimpert auf der Gitarre

In seiner Kommandozentrale im Boheme-Viertel San Telmo geht es zu wie in einem Taubenschlag: Bittsteller aller Art stehen Schlange, manchmal empfängt der Juraprofessor Fernández einen wichtigen Gouverneur, klimpert auf seiner Gitarre mit einem Rockstar für ein Instagram-Video, gibt einer Starjournalistin ein Interview oder nimmt unter Ovationen seinen Studenten eine Prüfung ab – einen aufreibenden, klassischen Wahlkampf scheint er nicht nötig zu haben.

Anders Amtsinhaber Macri. Er hat in den vergangenen Wochen das ganze Land bereist, jeden Tag ein Massenaufmarsch in einer anderen Stadt unter dem Slogan «Ja, wir schaffen es». Macri gibt sich kämpferisch, und während Fernández bereits staatsmännisch vor «schwierigen Zeiten» warnt, verspricht Macri das Blaue vom Himmel – von neuen Stipendien und Sozialhilfen bis zu Infrastrukturprojekten. Und vor allem warnt er immer wieder vor der Korruption der Peronisten, vor ihrem Autoritarismus, ihrer Willkür. «Macris Regierung hat Argentinien vor allem funktionierende Institutionen gebracht», lobt ihn die Menschenrechtlerin Graciela Fernández-Mejide. «Diese stehen nun auf dem Spiel.»