Waffen ins syrische Chaos

Finanziert von Saudi-Arabien und Qatar, koordiniert vom US-Geheimdienst CIA werden syrische Rebellen seit Monaten mit Waffen beliefert. Die Empfänger sind kaum zu kontrollieren.

Michael Wrase
Drucken
Teilen
Muaz al-Khatib ist als Chef der oppositionellen «Nationalen Koalition Syriens» zurückgetreten. (Bild: ap/Jacquelyn Martin)

Muaz al-Khatib ist als Chef der oppositionellen «Nationalen Koalition Syriens» zurückgetreten. (Bild: ap/Jacquelyn Martin)

LIMASSOL. Die Ende Oktober 2012 ursprünglich aus Kroatien begonnenen Waffenlieferungen an die syrischen Rebellen sind anscheinend umfangreicher, als bisher bekannt war. Laut einem Bericht der «New York Times», die sich auf US-Regierungskreise sowie auf die in Zypern geführten regionalen Statistiken des internationalen Luftfrachtverkehrs stützt, sind seit den Präsidentenwahlen in den USA mehr als 160 Frachtflugzeuge mit militärischen Gütern im Nahen Osten gelandet.

3500 Tonnen Militärausrüstung

Die meisten Maschinen sollen auf dem Flughafen Ankara-Esenboga entladen worden sein. Von dort hätten Lastwagen die Container auf dem direkten Wege in die Krisengebiete gebracht. Insgesamt seien bislang ungefähr 3500 Tonnen Militärausrüstung über die Türkei an syrische Aufständische geliefert worden, teile Hugh Griffiths vom Stockholmer Friedensforschungsinstitut mit. Finanziert werden die Waffenlieferungen von Saudi-Arabien und Qatar.

Eine Schlüsselrolle aber spielt anscheinend die CIA. Der wegen einer Affäre zurückgetretene ehemalige CIA-Direktor David Petraeus soll seinen ganzen militärischen Sachverstand eingebracht haben, um hinter den Kulissen die Bewaffnung der Rebellen in Syrien zu koordinieren. Dem amerikanischen Auslandsgeheimdienst gehe es darum, die Waffenlieferungen ausschliesslich an «säkulare und gemässigte Rebellengruppen» in Syrien weiterzuleiten, um so ein Gegengewicht zur jihadistischen Nusra-Front zu schaffen.

Streit um Verhandlungen…

Sowohl die politische Führung der syrischen Opposition als auch die bewaffneten Rebellen vermitteln seit Monaten ein Bild der Zerrissenheit. Am Wochenende trat der Chef des wichtigsten syrischen Oppositionsbündnisses, Muaz al-Khatib, von seinem Posten zurück. In seiner Stellungnahme klagt er über mangelnde Hilfe der internationalen Gemeinschaft, die nur Gruppierungen «mit einer bestimmten politischen Agenda» unterstütze. Diese versuchten die «Ziele der Revolution zu kidnappen».

Al Khatib, der in Syrien grosses Ansehen geniesst, hatte sich im Januar für direkte Gespräche mit «gemässigten Vertretern» des Asad-Regimes ausgesprochen. Sein Vorschlag war innerhalb der zerstrittenen Opposition zum Teil scharf kritisiert worden. Die radikale Nusra-Front bezeichnete Al Khatib sogar als einen Verräter, der entsprechend bestraft werden müsse.

…und um Übergangspremier

Ein weiterer Grund für den Rücktritt von Oppositionsführer Al Khatib war anscheinend die Wahl von Ghassan Hitto zum Chef einer Übergangsregierung für die von den Rebellen kontrollierten Gebiete gewesen.

Der IT-Manager, der lange in den USA gelebt hat und als gemässigter Islamist gilt, sollte gestern den vakanten Platz von Syrien bei der Arabischen Liga einnehmen. Zuvor hatte allerdings General Saam Idriss, einer der einflussreichsten Führer der Freien Syrischen Armee (FSA), klargestellt, dass man Ghassan Hitto nicht als Regierungschef anerkennen werde. Der Exil-Politiker sei nicht in einem Konsens gewählt worden.

Schwer kalkulierbares Risiko

Die Machtkämpfe innerhalb der syrischen Opposition machen die umfangreiche Waffenhilfe zu schwer kalkulierbarem Risiko. Die FSA, ursprünglich ein Zusammenschluss von Deserteuren aus der Armee des Asad-Regimes, gilt immer noch als gemässigt. Eine homogene Streitmacht mit einheitlichen Kommandostrukturen ist die Freie Syrische Armee jedoch nicht. Viele ihrer Einheiten sympathisieren längst mit islamistischen Gruppen wie der Nusra-Front.

Islamisten als Nutzniesser

Die wegen ihrer ideologischen Nähe zu al Qaida von den USA als Terrorgruppe eingestufte Nusra-Front hat nach Recherchen des US-Waffenexperten Eliot Higgins zumindest einen Teil der über die Türkei gelieferten Waffen erhalten und auch schon eingesetzt. Higgins belegt dies mit Bildern und Videofilmen.

Der Gründer der FSA, Riad Asaad, hat unterdessen bei einem Bombenanschlag auf sein Fahrzeug ein Bein verloren. Dass das Attentat in den «befreiten Gebieten» Ostsyriens verübt wurde, weist ebenfalls auf Rivalitäten innerhalb der Aufständischen hin.

Aktuelle Nachrichten