Kommentar

Trump hetzt, Biden stammelt: Das traurige Bild Amerikas zwei Monate vor der Wahl

Während Donald Trump üble Verschwörungstheorien verbreitet, leistet sich Joe Biden einen weiteren Aussetzer. Vereinigt sind die amerikanischen Staaten nur noch durch den gegenseitigen Hass auf sich selbst.

Samuel Schumacher
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Samuel Schumacher.

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Heute Abend reist Donald Trump ins Herzen der aktuellen amerikanischen Finsternis und will sich in der Provinzstadt Kenosha im «American Heartland» die Verwüstung ansehen, die aus den seit Tagen andauernden Zusammenstössen zwischen Black-Lives-Matter-Demonstranten und Trump-Anhängern resultierten. Auslöser für die Proteste waren sieben Schüsse eines weissen Polizisten in den Rücken des unbewaffneten Schwarzen Jacob Blake.

Was Trump in Kenosha sagen wird, hat er gestern Abend in einem Interview mit der Fox-News-Journalisten Laura Ingraham bereits angedeutet: Amerika droht eine Revolution durch die gewaltsame Linke. Joe Biden ist eine Marionette ebendieser Linken. Unter Biden würde Amerika in eine marxistische Hölle verwandelt. Und nur er, Donald Trump, könne die guten Menschen noch vor dem Mob retten. Trump sagte wörtlich:

«Irgendwann werde ich nicht mehr Präsident sein. Und dann werden alle sterben.»

Ebenfalls gestern verteidigte Trump den 17-jährigen Bürgerwehr-Teenager, der vergangene Woche in Portland zwei Black-Lives-Matter-Demonstranten ermordet hat. «Notwehr» sei das gewesen. Und die Schüsse aus der Pistole eines weissen Polizisten auf den Schwarzen Jacob Blake? «Ein Ausrutscher», wie er auch beim Golfspielen mal passieren könne, sagte Trump. Die Erschiessung eines Trump-Anhängers in Kenosha hingegen bezeichnete der US-Präsident als «tragisch», den Verstorbenen als «Patrioten». Tragisch sind Tote in Trumps Augen offenbar nur dann, wenn sie vor ihrem Ableben politisch auf seiner Seite standen.

Verbreitet wüste Verschwörungstheorien: US-Präsident Donald Trump.

Verbreitet wüste Verschwörungstheorien: US-Präsident Donald Trump.

Keystone

Trumps unheimliche Behauptung über seinen Kontrahenten

Diese verächtliche Haltung gegenüber dem menschlichen Leben aus dem Oval Office ist historisch einzigartig. Wirklich verwundern tut sie dennoch niemanden. Genauso wenig wie die Tatsache, dass in einem Land mit 394 Millionen Schusswaffen im Privatbesitz hie und da Menschen auf offener Strasse einfach so erschossen werden. Auch das System, das den Hass auf Andersdenkende schürt, ist nicht neu. Statt in der Krise gemeinsam nach Lösungen zu suchen, ist es im amerikanischen Zwei-Parteien-System en vogue, die Schuld an allem dem politischen Gegner in die Schuhe zu schieben. Die Parteien entfremden sich voneinander. Die vernünftige Mitte ist unbesetzt. An ihrer Stelle klafft ein dunkles Loch, das sämtliche Kompromissbereitschaft verschlingt und die beiden Parteien immer weiter in ihre Ecken zurückdrängt.

Auf dieses amerikanische Trauerspiel ruft Donald Trump von seiner Empore herab üble Verschwörungstheorien über «mächtige Menschen im dunklen Schatten», die Joe Biden steuerten; über Flugzeuge voller Schlägertrupps, die Jagd nach republikanischen Abgeordneten machten; über aus dem Ausland finanzierte Vandalen, die den amerikanischen Traum zerstören wollten.

Joe Biden macht keinen guten Eindruck

Dieser Wahnsinn verlangt nach einer deutlichen Gegenreaktion. Doch die US-Demokraten scheinen dazu ausser Stande. Was von Joe Bidens Ansprache in Pittsburgh am Montagabend bleiben wird, ist primär der verwirrte Eindruck, den der 77-Jährige – einmal mehr – machte. Er sagte wörtlich:

«Covid hat dieses Jahr, seit dem Ausbruch, hat mehr als 100 Jahre genommen. Seht her, das ist… die Leben, es ist, ach, ich meine, denkt darüber nach.»
Joe Biden bei seinem Auftritt am Montagabend in Pittsburgh.

Joe Biden bei seinem Auftritt am Montagabend in Pittsburgh.

Keystone

Mit solchem Gestammel – aus welchen Gründen es auch immer passierte – wird Biden den dampfenden Trump-Zug nicht bremsen können. Genauso wenig wie die gewaltsamen Vandalenakte der aufgebrachten Masse Trump aus dem Weissen Haus verscheuchen werden.

Amerika stehen zwei Monate politischer Wettstreit voller Aggression, Verschwörungstheorien und mühseligem Gestammel bevor. Die Zeiten, in denen die Welt mit Ehrfurcht und Bewunderung zur «leuchtenden Stadt auf dem Hügel» (als die sich Amerika selber sieht) heraufgeschaut hat, die sind vorbei. Im besten Fall nur vorübergehend.