Vor einem Scherbenhaufen

Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan ist mit seiner Politik, sein Land zur führenden Macht im Nahen Osten zu machen, ins Abseits geraten.

Jürgen Gottschlich
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ISTANBUL. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan steht vor den Trümmern seiner Aussenpolitik. Nach den bislang erfolglosen Versuchen, Syriens Bashar al-Assad zu stürzen, hat ihn nichts so getroffen wie der Putsch gegen seinen Bruder im Geiste, Ägyptens Präsident Mohammed Mursi. Bis heute weigert sich die Türkei, mit der neuen ägyptischen Regierung zu sprechen, geschweige denn sie anzuerkennen.

«In die Isolation geführt»

Mit Mursi, der noch am letzten Parteitag von Erdogans AKP gross auftreten konnte, ist der Dreh- und Angelpunkt von Erdogans Politik, die Türkei zu einer dominanten Macht im Nahen Osten zu machen, gefallen. Zusammen mit seinem Aussenminister Ahmet Davutoglu hatte er darauf gesetzt, dass die Moslembrüder nicht nur in Ägypten, sondern auch in Tunesien und vor allem in Syrien die Regierungen stellen würden. Mit ihnen hätte die Türkei dann aus einer Position des grossen Bruders zusammenarbeiten können.

«Die Aussenpolitik Erdogans und Davutoglus hat nicht mehr die Interessen des Landes vertreten, sondern ist nur noch parteipolitischen und religiösen Präferenzen gefolgt», kritisierte nicht nur Cengiz Candar, einer der bekanntesten Nahost-Experten. «Erdogan hat die Türkei mit seiner Politik in die totale Isolation geführt», sagt die Opposition schon seit Wochen. Denn mit der radikalen Kritik an Ägyptens Militär steht Erdogan weitgehend allein da. Nicht nur die USA und Europa sind zurückhaltender, Erdogans bisherige Verbündete in Syrien – Saudi-Arabien und die Golfstaaten mit Ausnahme von Qatar – haben dem ägyptischen Militär gar unter die Arme gegriffen.

Doch je schriller die Proteste gegen die vermeintliche Doppelzüngigkeit des Westens und der arabischen Monarchien wurden, umso mehr geriet Erdogan ins Abseits. Den Höhepunkt erreichte er, als er vor Parteimitgliedern verkündete, er habe Beweise, dass Israel der eigentliche Drahtzieher des Putsches gegen die Moslembrüder sei. Der angebliche Beweis besteht in einem Video einer israelischen Fernsehsendung von 2011, in der sich die heutige Justizministerin Zipni Livi mit dem französischen jüdisch-stämmigen Philosophen Bernard-Henri Levy darüber unterhält, dass es schwierig für Israel werde, falls die Moslembrüder in Ägypten an die Regierung kommen sollten.

Plötzlich wieder gefragt?

Doch mit dem wahrscheinlichen Einsatz von Chemiewaffen in Syrien könnte sich für Erdogan die Lage nochmals ändern. Die USA, die zunehmend erbost über die türkische Unterstützung der Nusra und anderer islamistischer Extremisten in Syrien waren, könnten bei einer Intervention in Syrien auf die Türkei angewiesen sein. Erdogan weiss das und lässt seinen Aussenminister seit Tagen eine Militärintervention fordern. «Alle roten Linien sind längst überschritten», sagte Davutoglu kürzlich. Was ein internationaler Krieg in Syrien für die Türkei bedeuten würde, scheint Erdogan nicht zu kümmern.