Türkei

Vor den Wahlen: Der wichtigste Trumpf sticht nicht mehr

Bislang konnte sich der türkische Präsident stets auf eines verlassen: die Wirtschaft. Doch nach dem Boom droht nun eine harte Landung.

Gerd Höhler, Athen
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Die Türkei steuert auch wirtschaftlich gesehen auf eine ungewisse Zukunft zu: Im Bild auf Kundschaft wartende Verkäufer auf dem Grossen Basar in Istanbul.

Die Türkei steuert auch wirtschaftlich gesehen auf eine ungewisse Zukunft zu: Im Bild auf Kundschaft wartende Verkäufer auf dem Grossen Basar in Istanbul.

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Seit Recep Tayyip Erdogans islamisch-konservative AKP 2002 ihren ersten Wahlsieg erreichte, kannten die ökonomischen Indikatoren in der Türkei meist nur eine Richtung: aufwärts. In Erdogans ersten zehn Regierungsjahren verdreifachte sich das Pro-Kopf-Einkommen, die Türkei stieg in die Liga der G20 auf, der 20 weltgrössten Volkswirtschaften. Selbst die globale Finanzkrise von 2009 bescherte der türkischen Wachstumskurve nur eine kurze Delle. Das türkische Wirtschaftswunder hatte ein Gesicht: Erdogan.

Wahlplakat in Istanbul: Schicksalswahlen sowohl für Erdogan als auch für die Türkei.

Wahlplakat in Istanbul: Schicksalswahlen sowohl für Erdogan als auch für die Türkei.

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Aber Erdogans Trumpfkarte sticht nicht mehr. Die Inflation von mehr als zwölf Prozent zehrt an der Kaufkraft der Türken. Die Arbeitslosenquote liegt bei über zehn Prozent. Die türkische Wirtschaft wuchs zwar im ersten Quartal um rekordverdächtige 7,4 Prozent. Aber die meisten unabhängigen Ökonomen sehen darin den Vorboten einer Überhitzung, die zu einem jähen Absturz in die Rezession führen könnte. Denn der Boom basiert vor allem auf staatlichen Infrastrukturprogrammen, Subventionen und Kreditbürgschaften.

Das Land braucht Geld

Ein besonders alarmierendes Ergebnis der künstlich angefeuerten Konjunktur ist das anschwellende Leistungsbilanzdefizit. Um es auszugleichen, braucht die Türkei Investitions- und Risikokapitalzuflüsse aus dem Ausland. Doch stattdessen ziehen viele Anleger Gelder aus der Türkei ab – wegen steigender Zinsen im Dollarraum, aber auch angesichts der wachsenden politischen Risiken am Bosporus.

Im Mai stufte die Ratingagentur Standard & Poor’s die Kreditwürdigkeit der Türkei noch tiefer in den Ramschbereich herab. Jetzt rächt sich, dass Erdogan die Wirtschaft seit Jahren mit Subventionen am Laufen hält, statt mit Strukturreformen das Fundament für ein nachhaltiges Wachstum zu legen. Grösste Schwächen der türkischen Wirtschaft sind ihre mangelnde Innovationskraft, die schlechte Produktivität, die geringe Wertschöpfung und die hohe Abhängigkeit von Importen.

Ging es bei früheren Abstimmungen wie den Parlamentswahlen 2015 und dem Verfassungsreferendum 2017 vor allem um die Bekämpfung des Terrors, den die meisten Türken damals für die grösste Bedrohung hielten, steht jetzt die Wirtschaft im Vordergrund. Umfragen zeigen: 34,2 Prozent der Türken sehen in der Wirtschaftsentwicklung das grösste Problem des Landes. Den Terrorismus nennen nur noch knapp 18 Prozent als ihre Hauptsorge.

Erdogans Konkurrent Muharrem Ince, der als Präsidentschaftskandidat der sozialdemokratisch-kemalistischen CHP den Amtsinhaber am Sonntag in eine Stichwahl zwingen könnte, versucht, von dieser Stimmung zu profitieren. «Eine Wirtschaftskrise steht vor der Tür», sagt Ince, deshalb habe Erdogan die Wahlen um 17 Monate vorgezogen.