Von Reliquien bis zu Sondermünzen

Am schlimmsten war es in Lublin. Dort musste wegen Johannes Paul II. gar die Polizei einschreiten. Der Grund könnte profaner nicht sein. Just vor Ostern hatte die Polnische Nationalbank vier Sondermünzen zur Heiligsprechung von morgen Sonntag herausgegeben.

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Am schlimmsten war es in Lublin. Dort musste wegen Johannes Paul II. gar die Polizei einschreiten. Der Grund könnte profaner nicht sein. Just vor Ostern hatte die Polnische Nationalbank vier Sondermünzen zur Heiligsprechung von morgen Sonntag herausgegeben. Der Verkauf der 2, 10, 100 und 500 Zloty-Münzen in den regionalen Niederlassungen der Staatsbank stiess auf ein derart grosses Interesse, dass selbst eine Anmeldung im Internet nicht reichte. Vor den Verkaufsstellen bildeten sich lange Schlangen wie zu kommunistischen Zeiten für Fleisch oder Toilettenpapier. Im Gedränge kam es ausserdem zu einer Schlägerei.

Stolzes Gewicht von einem Kilo

Am begehrtesten war trotz ihres stolzen Preises von umgerechnet gegen 1800 Euro die auf 966 Prägungen limitierte silberne 500-Zloty-Münze mit dem stolzen Gewicht von einem Kilo. «Die verkaufe ich nie, denn Johannes Paul II. ist für mich eine Autorität», berichtete der 24jährige Student Grzegorz. Der polnischen Tageszeitung «Gazeta Wyborcza» erklärte der junge Mann, dass er die Münze einmal seinem Sohn schenken wolle, und der wiederum seinem Enkel. So bleibe das Andenken an den grossen Tag in der Familie.

Seine Notizen sind ein Bestseller

«Hinter diesem äusserlichen Interesse an Karol Wojtyla versteckt sich für viele Polen viel mehr», sagt Agata Stachowiak vor einem Büchertisch mit Schriften von und über Papst Johannes Paul II. in einem Warschauer Einkaufszentrum. «Zum einen hat Johannes Paul II. wesentlich zum Zerfall des Kommunismus beigetragen», verweist sie auf die historische Bedeutung gerade in Polen, das fünf Wochen nach der Heiligsprechung auch den 25. Jahrestag der Wende von 1989 feiert.

«Dazu kommt seine geistliche Dimension, die wir immer noch jeder für sich erfassen», sagt Stachowiak. Vor ihr liegt einer der jüngsten Bestseller Polens: «Karol Wojtyla – ich bin sehr in Gottes Händen», eine 635seitige kritische Ausgabe seiner persönlichen Notizen zwischen 1962 und 2003. Stachowiak will gleich vier Bücher kaufen. «Als verspätete Ostergeschenke», sagt sie und lächelt. Das Buch ist für Laien kaum verständlich, auch wenn die lateinischen und italienischen Textteile korrekt ins Polnische übersetzt sind. Doch bleibt das Wichtigste: Der Papst hat die Texte geschrieben. Sein persönlicher Sekretär, der heutige Krakauer Erzbischof, Kardinal Stanislaw Dziwisz, hätte die Notizen nach dem Tod des Papstes eigentlich verbrennen sollen. Doch Dziwisz hielt sich nicht an diesen letzten Wunsch von Johannes Paul II.

Internet-Handel mit Reliquien

Kardinal Dziwisz hat nicht nur mit der Veröffentlichung der päpstlichen Notizen, sondern auch mit seiner Verwaltung des zu Reliquien verarbeiteten Papstblutes begonnen. Selbst in Polen hat dies inzwischen Debatten und Kontroversen ausgelöst. Denn solche Blutreliquien sind inzwischen auf Internet-Auktionen aufgetaucht. Die Kirche verkaufe keine Reliquien, protestierte der Postulator der Heiligsprechung im Vatikan, der polnische Priester Slawomir Oder gegenüber dem polnischen Nachrichtenmagazin «Wprost».

In etwa hundert Kirchen und Kapellen im Land werden heute Reliquien ersten oder zweiten Grades verehrt. Die meisten haben Blut oder Haare von Johannes Paul II., andere wiederum mussten sich mit blossen Berührungsreliquien zufrieden geben, etwa einem getragenen Messgewand. Im polnischen Nationalheiligtum Jasna Gora in Tschenstochau wird heute sogar die blutbefleckte Schärpe verehrt, die Johannes-Paul II. bei dem Attentat vom 13. Mai 1981 getragen hatte. «Wir beten weder zu Schärpen noch zu Haaren oder Blut», protestieren jedoch in Internetforen immer häufiger polnische Katholiken. (P.F.)

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