Kommentar

Von kleinen Zehen und politischem Ablenkungslärm: Wie Trump und Netanjahu die wahren Probleme verschleiern

Den innenpolitischen Stress tun die beiden mächtigen Herren als «Hexenjagd» und «Zirkusvorstellung» ab. Nur: Ganz so einfach werden sie die Öffentlichkeit diesmal nicht ablenken können. 

Samuel Schumacher
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Samuel Schumacher

Samuel Schumacher

Wie Ablenkung geht, das wusste schon der dänische Philosoph Sören Kierkegaard. Wer Liebeskummer habe, schneide sich einfach den kleinen Zeh ab. Dann vergesse man den Kummer ganz schnell, hat er gesagt.

Ganz nach diesem Motto – wenn auch auf weniger selbstverstümmelnde Weise – agieren derzeit Donald Trump und Benjamin Netanjahu. Beide stecken in innenpolitischen Schwierigkeiten. Gegen US-Präsident Trump läuft ein Amtsenthebungsverfahren, das ihn sein mächtiges Mandat kosten könnte.

Und der israelische Noch-Regierungschef Netanjahu wurde gestern wegen Korruptionsverdachts angeklagt. Beides gute Gründe, um zu Ablenkungsmanövern zu greifen.

Alles gut hier, nichts zu sehen: US-Präsident Donald Trump und Israles Noch-Premier Benjamin Netanjahu am Dienstag in Washington DC. (Bild: Keystone)

Alles gut hier, nichts zu sehen: US-Präsident Donald Trump und Israles Noch-Premier Benjamin Netanjahu am Dienstag in Washington DC. (Bild: Keystone)

Für ihr Manöver spannten Trump und Netanjahu zusammen: Nach einer Unterredung mit dem israelischen Kollegen im Weissen Haus hat der US-Präsident gestern seinen Plan vorgestellt, wie er den Nahostkonflikt zwischen Israel und den Palästinensern lösen will.

Obwohl er dies ohne Absprache mit der palästinensischen Seite und mit alleiniger Rücksicht auf die Bedürfnisse des befreundeten Israels getan hat, hat die Ablenkung funktioniert. Der Fokus rückte weg vom Impeachment, hin zu Trumps aussenpolitischen Ambitionen.

Auch Netanjahu scheint sich von dem Trump’schen Vorschlag für Frieden im Nahen Osten viel zu versprechen. Gestern Morgen zog er seinen Antrag auf Immunität zurück, den er dem Parlament vorgelegt hatte.

Statt weiter dieser «Zirkusvorstellung» zuzuschauen, werde er jetzt wieder mit voller Kraft für «Israels Sicherheit» kämpfen, schrieb Netanjahu auf Facebook. Stunden später verstärkte er die israelische Truppenpräsenz in der palästinensischen Westbank.

«Hexenjagd» in Washington, «Zirkusvorstellung» in Jerusalem: Mit solchen vermeintlichen Nichtigkeiten wollen sich Trump und Netanjahu nicht weiter abgeben. Für sie – das machten sie gestern klar – gehts um die grossen Probleme dieser Welt.

Fraglich nur, ob sie nebst viel Lärm auch Lösungen produzieren können. Auch Kierkegaard wusste: Irgendwann schmerzt selbst ein abgeschnittener Zeh nicht mehr.