Vom Opfer zum Kläger

Folter Der spanische Anwalt Gonzalo Boye will Schreibtischtäter des US-Gefangenenlagers Guantánamo in seiner Heimat zur Rechenschaft ziehen – auch weil er einst selbst gefoltert wurde. Philippe Reichen

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Von der Weltöffentlichkeit versteckt: Ein Gefangener im US-Militärgefängnis Guantánamo. (Bild: ap/Brennan Linsley)

Von der Weltöffentlichkeit versteckt: Ein Gefangener im US-Militärgefängnis Guantánamo. (Bild: ap/Brennan Linsley)

Seine Entschlossenheit lauert hinter einer kühlen Fassade. Wortlos sitzt Gonzalo Boye am Tisch, starrt auf das Display seines Handys und tut abwechselnd so als würde er Nachrichten schreiben oder lesen. Boye scheint abwesend, während sich Thomas Selim Wallner, Regisseur des Films «The Guantanamo Trap», der heute in die Schweizer Kinos kommt, die Seele aus dem Leib redet. Er spricht über das Interniertenlager, über Augenzeugen, die er für seinen Film getroffen und interviewt hat, über die Folterpraxis, der die Gefangenen ausgesetzt waren oder immer noch sind.

Beim Wort Folter schaltet sich Gonzalo Boye brüsk in die Diskussion ein. Die Augen des bald 40-Jährigen blitzen auf, sein Blick wird starr und kämpferisch. Es sind die eigenen Erlebnisse, die sich Boye in diesem Augenblick ins Bewusstsein drängen, und darauf warten, ein weiteres Mal verarbeitet zu werden. Er will ein Stück verlorene Gerechtigkeit wieder herstellen, auch um seine eigenen Wunden zu heilen. Sein Mitwirken im Film «The Guantanamo Trap» half ihm dabei.

Jus-Studium in der Zelle

Gonzalo Boye sass während acht Jahren in einem spanischen Gefängnis. «Unschuldig», wie er bis heute betont. Der Richter, dem er 1992 gegenübersass, glaubte ihm nicht. Die Staatsanwältin schon gar nicht. Die Justiz schickte Gonzalo Boye 1993 wegen der Entführung eines spanischen Industriellen in Chile, der von einer revolutionären linken Bewegung verschleppt wurde, und der Kollaboration mit der baskischen Untergrundorganisation ETA ins Gefängnis – für vierzehn Jahre und acht Monate. Bereits im Dezember 2001 kam Gonzalo Boye vorzeitig frei – nach acht statt vierzehn Jahren Freiheitsentzug.

Gonzalo Boye hatte sich seine Freilassung in seiner Zelle mit harter, einsamer Arbeit gewissermassen erzwungen. Er studierte an der spanischen Fernuniversität «Universidad Nacional de Educación a Distancia» (Uned) Rechtswissenschaften. Einen Juristen unter den Gefangenen zu haben, war den Behörden offenbar zu unangenehm.

«Im Gefängnis wurde gefoltert»

Heute ist er überzeugt: «Der Zeuge, der gegen mich aussagte, wurde gefoltert und damit zu Falschaussagen genötigt.» Folterungen erlebte auch Gonzalo Boye. Er schildert, wie man seinen Rücken mit Stromstössen traktierte, seinen Kopf unter Plastiksäcke steckte und ihm mit Waterboarding das Gefühl gab, zu ertrinken. – Folterungen im Rechtsstaat Spanien? Boye nickt. «Im Gefängnis wurde gefoltert, wenn auch nicht systematisch.»

Zurück in der Freiheit, sass er in seinem ersten Fall als Strafverteidiger jenem Richter gegenüber, der ihn ins Gefängnis geschickt hatte. Der Staatsanwältin, die seinerzeit Anklage gegen ihn erhob, begegnet er heute regelmässig. «Eine Kollegin» nennt er sie. Zu seinen Klienten gehören auch Polizisten, obschon die meisten Spanier, die ihn kennen, weiter davon ausgehen, er habe die Taten begangen, für die er ins Gefängnis musste. Boye kennt die Leute, die ihn gefoltert haben. Er lässt sie ihn Ruhe. – Warum? Der Anwalt schweigt. Die Antwort kommt von Thomas Selim Wallner: «Weil er gegen die eigenen Leute nicht vorgegangen ist, geht er nun gegen die Welt vor.»

Auf Kuba gelten US-Rechte nicht

Gegen die Welt, gegen Menschenrechtsverletzungen, gegen die Verantwortlichen von Guantánamo. Mit monotoner Stimme fasst Gonzalo Boye seine Gedanken zusammen: «Die Amerikaner bauten Guantánamo als Folterzentrum auf; auf Kuba gilt das amerikanische Gesetz nicht, dort konnten sie Leute von der Weltöffentlichkeit unbehelligt verstecken.» In der Bucht von Guantánamo seien die Genfer Konventionen systematisch ausser Kraft gesetzt worden, obwohl sie jeder amerikanische Soldat kennen würde. Die Distanz zur Heimat habe den Involvierten geholfen, mit ethnischen Prinzipien nicht in Konflikt zu geraten.

Gonzalo Boye hat gegen die mutmasslichen Schreibtischtäter in Spanien Strafklage eingereicht. Das ist möglich, weil auf Guantánamo auch spanische Staatsangehörige festgehalten und gefoltert wurden. Lukas Heckendorn Urscheler, Vize-Präsident des Schweizer Instituts für Rechtsvergleichung an der Universität Lausanne, bestätigt: «Im spanischen Rechtssystem ist für bestimmte, genau definierte Verbrechen eine Zuständigkeit gegeben, ohne dass der Ort der Begehung oder die Staatsangehörigkeit der Opfer oder des Täters relevant sind.»

Boyes Hauptvorwurf lautet: Die systematische Verletzung von Menschenrechten. Die politisch Verantwortlichen wie Ex-US-Präsident George W. Bush und sein Armeechef Donald Rumsfeld stehen nicht auf der Liste, weil sie kraft ihres Amtes Immunität geniessen. Wohl aber Geoffrey D. Miller, der erste Kommandant von Guantánamo und später des Abu-Ghraib-Gefängnisses in Irak; und Diane Beaver: Die Rechtsberaterin des Armeekorps arbeitete ein Dokument aus, das «legale Methoden der Folter» auf rechtlicher Grundlage empfahl und über der sich nach Bekanntwerden ein Gewitter der öffentlichen Empörung entlud. Die Administration Bush liess Beaver im Regen stehen.

Bis zum Äussersten gehen

Bis zu einer Anklage ist ein langer Weg. Die Regierung um den amtierenden Ministerpräsidenten José Luis Zapatero versuchte ihn 2009 länger zu machen, als er ohnehin schon ist. Sie liess das Gesetz ändern und sorgte für die Aufnahme des Subsidiaritätsprinzips. Für Gonzalo Boye hiess das: Als Kläger musste er den Beweis erbringen, dass gegen die Beklagten in den USA keine Untersuchungen laufen. Der Beweis ist erbracht – nach rund eineinhalb Jahren Arbeit. «Jetzt können wir weiter», sagt der Anwalt. Mit «wir» meint er auch den spanischen Untersuchungsrichter Baltasar Garzón. Ihm gelang 1999 das Kunststück, dass britische Richter entschieden, der chilenische Ex-Diktator Augusto Pinochet müsse nach Spanien ausgeliefert werden. Boyes nächstes Ziel ist, die Beschuldigten für eine Anhörung nach Spanien vorzuladen. Diverse Opfer haben bereits ausgesagt. Der Anwalt ist bereit, bis zum Äussersten zu gehen. Er will aus der Ferne dafür sorgen, dass die USA zu Millers Gefängnis wird. Das heisst: Wenn Miller nicht nach Spanien reisen will, soll er sein Land nicht verlassen dürfen.

Gonzalo Boye (Bild: pd)

Gonzalo Boye (Bild: pd)

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