Corona-Virus ist ansteckender als bisher bekannt

Die Lage in China spitzt sich zu. Wegen des Coronavirus wurde in Wuhan Autofahren verboten. Die Folgen für die Wirtschaft sind fatal.

Fabian Kretschmer aus Peking
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Am Sonntag trat Ma Xiaowei, Leiter der nationalen Gesundheitskommission, gleich mit zwei Hiobsbotschaften vor die internationale Presse in Peking: Zum einen würde die Übertragungsfähigkeit des mysteriösen Coronavirus derzeit weiter ansteigen. Und im Gegensatz zu Sars sei der neuartige Erreger aus Wuhan auch während der Inkubationszeit ansteckend. Dies macht eine Eindämmung ungleich schwerer, schliesslich dauert es bis zu zwei Wochen, dass unwissentlich Infizierte erste Symptome der Lungenkrankheit zeigen. Die Anzahl an Infizierten könnte also weiter steigen, fügte der Leiter der chinesischen Gesundheitsexperten an.

Dabei hat sich allein übers Wochenende die Verbreitung des Coronavirus erneut vervielfacht: Mit Stand vom Sonntag haben die Behörden knapp 2000 Infizierte bestätigt, 56 Tote und mehrere hundert Patienten in kritischem Zustand.

Das Virus sorgt Weltweit für Angst. Hier eine Frau, die sich mit einer Gesichtsmaske schützt, in London. EPA/ANDY RAIN

Das Virus sorgt Weltweit für Angst. Hier eine Frau, die sich mit einer Gesichtsmaske schützt, in London. EPA/ANDY RAIN

Andy Rain / EPA

Maskenpflicht und Semesterstart verschoben

Die jüngsten Erkenntnisse der Gesundheitskommission erklären die radikalen Eindämmungsmassnahmen der chinesischen Zentralregierung. Allein am Sonntag wurden über ein Dutzend solcher erlassen: So hat Peking etwa den Start des kommenden Sommersemesters für sämtliche Schulen und Universitäten auf unbestimmte Zeit verschoben. Die südchinesische Provinz Guangdong hat eine Atemschutzmasken-Pflicht für all seine Bürger im öffentlichen Raum eingeführt. Sämtliche Gruppenreisen von Ausländern ins Land wurden gestoppt, auch Chinesen dürfen keine Pauschalreisen mehr buchen – sowohl im In- als auch Ausland. Die Zentralregierung hat zudem den Handel von Wildtieren verboten, schliesslich soll der Erreger von einem Markt für exotische Tiere in Wuhan stammen.

Dort ist das öffentliche Leben praktisch zum Erliegen gekommen. Die 11-Millionen-Metropole hat am Sonntag nun auch sämtlichen Autoverkehr auf den Strassen verboten. Das US-Konsulat in Wuhan hat unterdessen die Evakuierung seiner Angestellten sowie einer begrenzten Anzahl an Zivilisten für Dienstag angekündigt. Auch die japanische, russische und französische Regierung plant eine Evakuierung seiner Staatsbürger aus der sechstgrössten Stadt des Landes.

Die Lage der medizinischen Versorgung vor Ort ist prekär. Das belegen Videos, die auf den sozialen Netzwerken kursieren. Darauf zu sehen sind überfüllte Notaufnahmen, in denen Krankenschwestern verzweifelte Menschen nach Hause schicken müssen. In einem von Patienten gefilmten Video schreit ein Arzt in ein Telefon-Headset: «Feuern Sie mich einfach!»

Laut offiziellen Angaben haben sich mindestens 15 Mediziner in Wuhan mit dem Coronavirus angesteckt, ein Arzt ist ­bereits verstorben. Die Dunkelziffer liege jedoch viel höher, erzählte ein Arzt der Hongkonger Zeitung «South China Morning Post». Demnach seien die Spitalangestellten ursprünglich nicht darüber informiert worden, dass sich das Virus auch über menschlichen Kontakt verbreiten könne. Zudem fehlten weiterhin Schutzausrüstung und Testkits.

Die Behörden arbeiten unter Hochdruck daran, den Ansturm der Patienten zu bewältigen. Bis in zehn Tagen soll in Wuhan ein riesiges neues Spital mit über 1000 Betten bereitstehen. Am Samstag beschloss die Gesundheitskommission in Peking, über 1200 Experten in die Stadt zu entsenden und 24 allgemeine Spitäler zu Virusbekämpfungszentren umzufunktionieren.

Auf sozialen Netzwerken berichten Leute in Wuhan und der umliegenden Hubei-Provinz von leeren Ladenregalen und Preisaufschlägen bei Lebensmitteln. Eine Nutzerin auf Twitter etwa postete Fotos von einem Gemüseladen, der nur mehr vereinzelte Salatköpfe führte, für umgerechnet fünf Euro das Stück. Die «New York Times» berichtet, dass viele Märkte und Läden geschlossen seien. Chinesische Botschaften im Ausland posteten in den sozialen Netzwerken Videos, auf denen unzählige Lastwagen auf den Einfahrtstrassen nach Wuhan zu sehen sind – angeblich mit Lebensmitteln beladen.

Einbruch des Wirtschaftswachstums

Wirtschaftlich wird die Epidemie wohl harte Folgen. Über ein Dutzend Städte in der Hubei-Provinz wurden abgeschottet und lahmgelegt. Zudem ­werden die Konsumausgaben während der chinesischen Neujahrsfeierlichkeiten, die am Samstag begonnen haben, wohl massiv einbrechen. Das wird die angeschlagene Wirtschaft weiter schwächen. Derzeit wächst diese nur mit ­ 6,1 Prozent, so langsam wie seit 30 Jahren nicht mehr. In einer ersten Einschätzung geht der Analysedienst Economist Intelligence Unit von einem Einbruch des Wachstums von bis zu einem Prozentpunkt aus.

Im Ausland reagieren die Leute zum Teil hysterisch. In Südkorea ruft eine Petition dazu auf, chinesische Staatsbürger aus dem Land zu verbannen – obwohl zwei der insgesamt drei Infizierten auch südkoreanische Staatsbürger sind.