Viele Infizierte, offiziell aber nur wenig Tote: Hält Moskau die Zahl der Coronatoten künstlich tief?

Russland verzeichnet eine Rekordzahl an Coronainfizierten – und eine auffällig niedrige Todesrate. Was dahinter steckt.

Inna Hartwich aus Moskau
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Russlands Präsident Wladimir Putin und die Coronazahlen - die Regierung in Moskau hat eine eigenwillige Zählweise.

Russlands Präsident Wladimir Putin und die Coronazahlen - die Regierung in Moskau hat eine eigenwillige Zählweise.

Alexei Nikolsky/Sputnik /Kremlin / EPA

222 Namen haben russische Mediziner zusammengetragen, eine «Liste der Erinnerung», auf der Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger verzeichnet sind, die an Covid-19 erkrankt waren und mittlerweile gestorben sind. Täglich erscheinen neue Namen im Online-Verzeichnis. Die Liste ist inoffiziell und eine Art, den Zweifeln, die Russlands Klinikpersonal gegenüber der offiziellen Statistik hegt, Ausdruck zu verleihen.

Russland als «eigene Zivilisation»?

Russland hat mehr als 290000 Coronainfizierte. Nur noch die USA vermelden mehr Covid-19-Kranke. Offiziell an der Krankheit gestorben sind 2722 Menschen im Land, in Deutschland sind es dreimal mehr Tote, in Spanien sind die Zahlen zehnfach höher. Wie passt dieses «russische Wunder», wie der Leiter des Coronainformationszentrums in Moskau die niedrige Sterblichkeit trotz hoher Infektion nannte, zusammen? Sind Russen weniger anfällig? Oder ist Russland gar eine «eigene Zivilisation», wie Russlands Präsident Wladimir Putin in einem Interview sein Land bereits vor einigen Monaten bezeichnete?

Die Sache ist viel profaner. Die auffällig niedrige Sterberate liegt an der Frage der Definition: Wann ist ein Toter ein Coronatoter? Russland hat seine eigene Zählweise. Diese manipuliert die Zahlen nicht, aber sie erleichtert es den Behörden, die Toten bewusst zu verschleiern. Anders als in anderen Ländern zählt Russland die Infizierten nach ihrem Tod nicht automatisch als Opfer des Virus. Nach einer Pflicht-Obduktion entscheiden Pathologen, ob nicht eine andere Erkrankung des Patienten ausschlaggebender war.

Diabetes oder Herzinfarkt statt Corona

Eine Instruktion des Gesundheitsministeriums weist die Pathologen darauf hin, auf «alternative Befunde» zu achten. Ärzte beschreiben das von oben gelenkte System folgendermassen: «Gesundheitsministerium – Regionen – Chefarzt – Pathologe. Und der letzte in der Kette schreibt das, was man von ihm verlangt», sagte ein Mediziner russischen Medien.

In einer grossangelegten Recherche hat das in Lettland registrierte russische Nachrichtenportal Meduza Ärzte und Bestatter zu Wort kommen lassen, die solche Methoden bestätigen. Sobald jemand eine chronische Erkrankung aufweise, so sagt es auch der Demograf Alexej Rakscha, werde eben diese Erkrankung als Todesursache geschrieben. Nach seinen Berechnungen werden 60 bis 70 Prozent der Toten nicht als Coronatote registriert. Die Covid-19-Kranken sterben in Russland meist an Diabetes, Herzinfarkt oder der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung.

Viele Moskauer Ärzte verstehen nicht, warum die Behörden den Unterschied zwischen Covid-19 und «alternativen Befunden» machen. Denn selbst wenn die Coronastatistik um den Faktor drei korrigiert würde, läge die Sterblichkeit im Land weitaus niedriger als in Westeuropa. Faktoren wie Russlands niedrige Lebenserwartung und die längere Vorbereitungszeit könnten eine Rolle spielen. Vor allem aber ist es der Stolz, der aus den schnöden Zahlen spricht: «Wir haben es im Griff.»