Viele Flüchtlinge erwartet

Der Krieg im Osten Libyens scheint in seine entscheidende Phase getreten zu sein. Den Aufständischen ist vom Regime anscheinend ein Amnestieangebot gemacht worden.

Michael Wrase
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Flucht nach Ägypten: Ein Rebell kontrolliert an einer libyschen Grenzstation den Strom der Ausreisenden. (Bild: ap/Nasser Nasser)

Flucht nach Ägypten: Ein Rebell kontrolliert an einer libyschen Grenzstation den Strom der Ausreisenden. (Bild: ap/Nasser Nasser)

alexandria. Trotz heftigen Widerstands gelingt es den Aufständischen anscheinend nicht, den Vormarsch der besser bewaffneten Truppen Gadhafis auf die Mittelmeermetropole Benghasi zu stoppen. Tausende von Einwohnern haben die Stadt, die gestern laut verschiedenen übereinstimmenden Meldungen aus der Luft teils beschossen wurde, bereits in Richtung Ägypten verlassen. Von dort werden die Aufständischen mit Treibstoff, Nahrungsmitteln, Medikamenten sowie – nach unbestätigten Berichten – auch mit militärischen Gütern versorgt.

Wie einst Rommel

Militärexperten im ägyptischen Alexandria nehmen daher an, dass Gadhafis Verbände zunächst versuchen werden, über Tobruk zum libyschen Grenzposten Amsaad vorzustossen, um die Rebellen vom Nachschub abzuschneiden. Der Weg dorthin ist jedoch noch weit. Gestern abend standen Gadhafis Truppen in oder unweit der Stadt Ajdabia, die etwa 500 Kilometer westlich der ägyptisch-libyschen Grenze liegt. Sollte die anscheinend doch noch umkämpfte Stadt fallen – ihre Einnahme wurde schon am Vortag gemeldet –, dann müssten die Regimetruppen noch 400 Wüstenkilometer zurücklegen, um bei Tobruk die Mittelmeerküste zu erreichen. Während des Zweiten Weltkrieges waren die Truppen des deutschen Feldmarschalls Rommel auf der gleichen Wüstenpiste unterwegs. Eines seiner grössten Probleme war damals der schleppende Nachschub, der – das hoffen die Rebellen – auch Gadhafi zum Verhängnis werden könnte. Sie gehen davon aus, dass dieser nicht genügend Soldaten hat, um einen Zangenangriff auf Benghasi durchzuführen.

Vieles deutet aber darauf hin, dass sich Gadhafis Truppen gut auf die Entscheidung im Osten vorbereitet haben. Mit dem Beginn der Offensive wurde zunächst erst am Sonntag gerechnet. Die Aufständischen, meldete die libysche Nachrichtenagentur Jana, hätten noch 48 Stunden Zeit, um ihre Waffen niederzulegen. Dann könnten sie mit einer Amnestie rechnen. Am Abend kündigte Gadhafi dann in einer Audiobotschaft im Fernsehen an, seine Truppen würden in der Nacht in Benghasi einrücken.

Vor allem leichte Waffen

Das Amnestieangebot schien damit wieder hinfällig geworden zu sein. Der grösste Stamm im libysch-ägyptischen Grenzgebiet, die Aulad Ali, will die Aufständischen weiter unterstützen. Dies sagten Sprecher in Ägypten, wo ebenfalls etwa 1,5 Millionen Angehörige dieses Beduinenstammes leben. Durchhalteparolen kamen aus Benghasi. Die 800 000 Einwohner zählende Stadt sei «bis an die Zähne bewaffnet», sagte Rebellensprecher Mustafa Gheriani. Westliche Journalisten in Tobruk konnten dies nicht bestätigen. Leichte Waffen seien zwar ausreichend vorhanden. Es sei aber fraglich, ob diese ausreichten, um die Gadhafi-Armee zurückzuschlagen. Auch vier bei Benghasi stationierte MIG-Kampfjets der Rebellen, die gestern bei Ajdabia eingesetzt wurden, seien wohl nicht in der Lage, die Regierungstruppen in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen.

Vorbereitungen für Flüchtlinge

Am ägyptischen Grenzposten von Sallum bereitet man sich jedenfalls auf einen Flüchtlingsstrom aus Libyen vor. Bis zu 100 000 Menschen, befürchten Sprecher humanitärer Organisationen, könnten in den kommenden Tagen das Land verlassen. Die Flüchtlinge sollen in Zelten untergebracht werden, die die ägyptischen Behörden ab dem Wochenende aufstellen wollen.