Verstrickungen in den Anden

Eine unangekündigte Aktion des kolumbianischen Militärs auf dem Gebiet Ecuadors hat eine diplomatische Krise ausgelöst. Das politische Klima in den nördlichen Anden ist stark erhitzt.

Jürg Roggenbauch
Drucken
Teilen

Dem kolumbianischen Staat ist der schwerste Schlag gegen die terroristische Gruppierung Farc («Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens») gelungen, seit Álvaro Uribe 2002 die Präsidentschaft übernahm. Soldaten töteten am Samstag unter anderen Luís Édgar Devia Silva alias Raúl Reyes, der als Nummer zwei der Farc galt. Kolumbiens Militär stiess dabei jedoch auf das Gebiet Ecuadors vor. Dort löste dies heftige Proteste aus. Präsident Rafael Correa schickte Truppen an die Grenze, wies den kolumbianischen Botschafter aus und rief den obersten diplomatischen Vertreter Ecuadors in Kolumbien zurück.

An der Berechtigung des ecuadorianischen Unmutes zweifelt vordergründig niemand. Kolumbien ist in seinem Kampf gegen die Farc rücksichtslos geworden, spielt mit der Toleranz seiner Nachbarn. Die Farc-Kämpfer flüchten oft über die schwierig zu überwachenden Grenzen in die Nachbarstaaten. Die dortigen Regierungen zeigen in aller Regel wenig Interesse, gegen die Eindringlinge vorzugehen. Sie haben wichtigere Probleme zu lösen.

Hat Correa Kontakte zu Farc?

Heikel wird die Situation, wenn kolumbianische Soldaten Grenzen überschreiten oder wenn die Regierungen von Kolumbiens Nachbarn mit den Farc in Kontakt treten. Dies geschah zuletzt beides. Während der grenzverletzenden Aktion hat Kolumbiens Armee Daten sichergestellt, die Gespräche der Farc mit Ecuadors Regierung belegen. Präsident Correa hat sich demnach bemüht, eine Vermittlerrolle bei der Freilassung von Farc-Geiseln zu erhalten. Dies, um daraus innenpolitisches Kapital zu schlagen und seinen kontroversen Linkskurs zu untermauern. Die Farc forderten anscheinend Gegenleistungen – vor allem, auf ecuadorianischem Gebiet mehr oder weniger ungestört zu bleiben.

Ecuadors Regierung bestätigte gestern abend Kontakte zu den Farc, womit sich die diplomatische Krise in der Region verschärfen dürfte. Denn vor ähnlichem Hintergrund verschlechtern sich bereits die Beziehungen zwischen Kolumbien und Venezuela. Auch in Venezuela ist eine Linksregierung an der Macht, die in Kolumbiens konservativem Präsidenten einen Gegner sieht und in den Farc einen ideologischen Verbündeten – obwohl diese einstigen Marxisten zu reinen Kriminellen geworden sind. Die kolumbianische Polizei liess gestern verlauten, sie hätte Beweise für Zahlungen in der Höhe von 300 Millionen Dollar von Venezuela an die Farc.

Willkommene Ablenkung

Der venezolanische Präsident Hugo Chávez schwieg zunächst dazu, solidarisierte sich aber mit Ecuador, zog ebenfalls seinen Botschafter aus Kolumbien ab und beorderte Panzerbataillone an die Grenze. Auch Chávez scheint gelegen zu kommen, von internen Problemen wie der prekären Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ablenken zu können.

Derweil versuchte Kolumbiens Präsident Uribe zu beschwichtigen. Er entschuldigte sich bei Correa und ignorierte Chávez. Trotzdem wird die Situation mit drei Präsidenten, die bereit sind, für ihre Ideale sehr weit zu gehen, allmählich ungemütlich. Weniger aufgeregt ist hingegen die Bevölkerung. Die meisten Menschen in den drei Ländern haben andere Probleme – existenzielle. Einem Nachbarstaat mit Krieg zu drohen, ist für die Mehrheit Unsinn, für den nur Politiker Zeit besitzen.

Aktuelle Nachrichten