«Verrat» am bisher einzigen effizienten Gegner des IS

LIMASSOL/KOBANE. Nach dem direkten Eingreifen der Türkei in den syrischen Bürgerkrieg befürchten Syriens Kurden, um die Früchte ihres Erfolgs gebracht zu werden. Seit mehr als zwei Jahren kämpfen die syrisch-kurdischen Volksverteidigungskräfte (YPG) gegen den sogenannten «Islamischen Staat» (IS).

Michael Wrase
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LIMASSOL/KOBANE. Nach dem direkten Eingreifen der Türkei in den syrischen Bürgerkrieg befürchten Syriens Kurden, um die Früchte ihres Erfolgs gebracht zu werden. Seit mehr als zwei Jahren kämpfen die syrisch-kurdischen Volksverteidigungskräfte (YPG) gegen den sogenannten «Islamischen Staat» (IS). Zunächst behaupteten sie sich alleine, bis dann im Herbst vergangenen Jahres die US-Luftwaffe die Kurden in der Grenzstadt Kobane massiv unterstützte.

Erfolgreiche Kurden

Rasch erkannten die Pentagon-Strategen, dass im Verbund mit den disziplinierten und effizienten Bodentruppen der YPG der IS zwar nicht besiegt, aber empfindlich geschwächt werden konnte. Vor drei Wochen standen die syrischen Kurden nur noch 35 Kilometer von Rakka, der Hauptstadt des IS-Kalifats.

Gleichzeitig kontrollierte die YPG fast 500 der über 800 Kilometer langen Grenze zur Türkei. Auf syrischer Seite war sie damit relativ dicht, in den Händen «freundlicher Kräfte», wie Obamas IS-Beauftragter John Allen unlängst erklärte. Lediglich westlich der Euphrat-Stadt Jarablous wird noch ein 90 Kilometer langer und um die 40 Kilometer breiter Grenzstreifen vom IS kontrolliert.

Turkmenen oder Nusra-Front?

Südlich davon stehen syrische Rebellengruppen, welche nun mit türkischer und amerikanischer Luftunterstützung das vom IS beherrschte Gebiet freikämpfen und eine «IS-freie Pufferzone» schaffen sollen. So sieht es das bereits vor zwei Jahren geschriebene Drehbuch des türkischen Militärs für Nordsyrien vor, das nun anscheinend auch von Washington gebilligt worden ist: Zuerst eine Puffer- oder Flugverbotszone, die dann sukzessive nach Süden, Westen und Osten ausgeweitet werden soll.

Welche Rebellenorganisationen sich in der Pufferzone durchsetzen sollen, ist indes unklar. Gewünscht sind gemässigte Kräfte, die es in der Region freilich kaum gibt. Die Türkei spricht von syrischen Turkmenen, die sie dazu ausgebildet habe. Stärkste Widerstandsgruppe in der Region ist aber der Al-Qaida-Ableger Nusra-Front, der von Washington als Terrororganisation eingestuft wird, von Ankara aber nicht.

«Auf der Abschussliste Ankaras»

Die gegen den IS bislang so erfolgreichen syrischen Kurden werden bei der Schaffung der neuen «Sicherheitszone» anscheinend nicht mehr gebraucht. «Wir stehen auf der Abschussliste der von Ankara unterstützten Rebellen», erklärte ein YPG-Sprecher. Besonders enttäuscht sind die syrischen Kurden von der Haltung der USA, die sich von der Türkei «nun ohne Not für ihre Ziele instrumentalisieren lassen».

Tatsächlich fühlen sich die kurdischen Volksverteidigungsmilizen von den Amerikanern regelrecht verraten. Nach Monaten des gemeinsamen Kampfes gegen den IS wechsle Washington nun plötzlich die Seiten. Über die Ziele die Türkei sind sich die syrischen und türkischen Kurden längst im Klaren: Südlich der Grenze sollen die von der YPG geschaffenen autonomen oder eigenstaatlichen Strukturen, durch die sich Ankara bedroht sieht, zerstört werden.

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