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«Verpfeif dein Schwein» – Ministerin reagiert

Kopf des Tages

Marlène Schiappa Im Zuge der Weinstein-Affäre berichten Tausende Französinnen über sexuelle Belästigung. Nun will Frauenministerin Schiappa Sexualdelikte härter bestrafen.

Die Twitterseite heisst wenig vornehm «Verpfeif dein Schwein» (Balance ton porc). Wer sich durch die Berichte liest, versteht allerdings die Wut der Betroffenen. Journalistin Sandra Muller, die den Hashtag eröffnet hat, erzählt, wie sie angemacht worden sei. «Du hast grosse Brüste. Ich werd’s dir die ganze Nacht besorgen», habe der frühere Vorgesetzte ihr zugeraunt. Muller forderte ihre Geschlechtsgenossinnen auf, ihre Belästiger «zu outen».

Mit überwältigendem Erfolg: Über das Wochenende kamen mehr als 100 000 Kommentare und Reaktionen zusammen. Einige Frauen nennen Namen. Aus Angst vor Verleumdungsklagen belassen es aber die meisten bei der Schilderung der Vorgänge. «Abschlussfete. Drei Männer packen und streicheln mich. Der ganze Saal lacht», schreibt Isabelle. «Der Chef wechselt die Plätze im Flugzeug, um sich besser an mich drücken zu können», berichtet Aurore. Oder Anais: «Erstes Stage als Journalistin, ich bin 18. Der Chef, gerade Vater geworden, küsst mich trotz meines Widerstands.» Einige Frauen üben Kritik daran: «Ich mache an dieser Hexenjagd nicht mit», schreibt Fernsehstar Julia Molhou. Allein die Lawine der Rückmeldungen macht aber augenfällig, wie viele Frauen sich betroffen fühlen. Die Staatssekretärin für die Gleichheit von Mann und Frau, Marlène Schiappa, erzählt, sie habe sogar den Bericht einer Freundin entdeckt, die im privaten Kreis nie auch nur andeutet habe, dass sie belästigt worden sei. Es ist, als habe die Weinstein-Affäre als Dammbruch gewirkt. Die Affäre des französischen Ex-Ministers Dominique Strauss-Kahn mit einer New Yorker Hotelangestellten 2011 hatte diese Breitenwirkung noch nicht.

Schiappa teilte gestern in einem Interview mit, sie arbeite für Anfang 2018 ein Gesetz zum Thema sexuelle Gewalt aus, «um die gesellschaftliche Toleranzgrenze zu senken». Unter anderem soll die Verjährung schwerer Sexualdelikte von zwanzig auf dreissig Jahre verlängert werden. Junge Frauen seien oft zu stark traumatisiert, um einen Prozess durchzustehen. Die ehemalige TV-Moderatorin Flavie Flament (43) hatte in einen Buch berichtet, sie sei vom Starfotografen David Hamilton im Alter von 13 Jahren vergewaltigt worden. Der Fall hatte in Paris für eine hitzige Debatte gesorgt. Beweise konnte Flament nicht mehr vorbringen; Hamilton beging 83-jährig Selbstmord.

Das Gesetz soll laut Schiappa auch das Schutzalter für einvernehmlichen Sex auf 13 oder 15 – die Frage ist noch nicht entschieden – erhöhen. Auslöser ist der Fall eines elfjährigen und willigen Mädchens, dessen 28-jähriger Freund nicht wegen Vergewaltigung verfolgt wird, wie Sozialpädagogen verlangen, sondern nur wegen «sexueller Gefährdung». Mehr zu reden gibt Schiappas Idee, auch sexuelle Belästigung auf der Strasse zu ahnden. Die Ministerin, die eine wichtige Stütze von Macrons Präsidentschaftskampagne gewesen war, denkt dabei an Männer, die Frauen bis in die U-Bahn oder nach Hause verfolgten. Konservative Politiker fragen, ob damit auch Bauarbeiter «kriminalisiert» würden, wenn sie einer Frau nachpfiffen, und bezeichnen die Frauenministerin als «Big Mother». Radiojournalistin Natacha Polony wendet ein: «Ich mag es, wenn man mir auf der Strasse Komplimente nachruft.» Politisch heikler ist der Einwand des Soziologen Eric Fassin, der argwöhnt, am stärksten betroffen seien junge Männer einfacher Herkunft oder Immigranten. Sie seien ohnehin im Visier der Polizei und hätten auch im Bereich der harmloseren «drague» (Anmache) andere Verhaltensmuster. Schiappa kontert, bei sexuellen Aggressionen dürfe die Abstammung keine Rolle spielen, also auch nicht als mildernder Umstand.

Stefan Brändle, Paris

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