Verheerendes Attentat in Bagdad – fast 80 Tote

LIMASSOL/BAGDAD. Ein Selbstmordattentäter des «Islamischen Staats» reisst mindestens 76 Schiiten in den Tod. Ihre Angehörigen werfen der Regierung erneut Versagen vor.

Michael Wrase
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Zerstörte Marktstände nach dem Bombenanschlag in Bagdad. (Bild: ap/Karim Kadim)

Zerstörte Marktstände nach dem Bombenanschlag in Bagdad. (Bild: ap/Karim Kadim)

LIMASSOL/BAGDAD. Ein Selbstmordattentäter des «Islamischen Staats» reisst mindestens 76 Schiiten in den Tod. Ihre Angehörigen werfen der Regierung erneut Versagen vor. Bei dem Selbstmordanschlag in der Bagdader Schiitenvorstadt Sadr-City wurden gestern morgen zudem über 200 Menschen zum Teil schwer verletzt. Der Täter hatte einen mit Sprengstoff beladenen Kühlwagen auf einem Marktplatz in die Luft gesprengt.

Der Markt ist an Donnerstagen besonders gut besucht, weil dann auch viele Menschen aus der Provinz zum Einkaufen in die Hauptstadt kommen. Ein Polizist sagte dem arabischen Nachrichtensender Al Jazira, trotz Sicherheitsmassnahmen sei es praktisch unmöglich gewesen, den Kühlwagen von anderen Lastwagen zu unterscheiden, die Obst und Gemüse nach Bagdad bringen.

«Legitimer Angriff auf Schiiten»

Nach dem Anschlag veröffentlichte der «Islamische Staat» (IS) im Internet ein Bekennerschreiben. Der Massenmord wurde darin als ein «legitimer Angriff auf schiitische Milizionäre» gerechtfertigt, die sich in Sadr-City hätten treffen wollen. Tatsächlich wussten die sunnitischen Terroristen ganz genau, dass sie schiitische Zivilisten, unter ihnen auch Frauen und Kinder, töten würden. Ihr Tod ist aus der perfiden Sicht des IS gerechtfertigt, weil es sich bei den Opfern um «Abweichler von der rechten Glaubenslehre», dem Wahhabismus handelt, jener extrem dogmatischen Richtung des sunnitischen Islam, welcher der IS anhängt, die aber auch in Saudi-Arabien und Qatar Staatsreligion ist.

Wut auf die Regierung

Angehörige und Freunde der Opfer machten in ersten Reaktionen auch die Regierung für die Tragödie in Bagdad verantwortlich. Einmal mehr habe sie die Zivilbevölkerung nicht vor dem Terror des IS bewahren können. Da Polizei und Armee versagt hätten, müssten schiitische Milizen die Menschen schützen und gleichzeitig die sunnitischen Terrormilizen bekämpfen. Die Terrormiliz kontrolliert noch immer einen Drittel Iraks. Ihre Hochburg Ramadi liegt nur 70 Kilometer westlich von Bagdad.

Zu Wochenbeginn hatte Iraks Premier Haidar al-Abadi umfassende Reformen angekündigt und anschliessend im Parlament verabschieden lassen. Bis all diese Reformen greifen, werden vermutlich Monate, wenn nicht gar Jahre vergehen. Der Kampfansage des schiitischen Politikers an Korruption, Vetternwirtschaft, Inkompetenz und Konfessionalismus vorausgegangen waren wochenlange Strassenproteste in Bagdad und allen Städten des irakischen Südens. Der Zorn der Menschen richtet sich vor allem gegen die marode Infrastruktur des Landes, in dem immer wieder der Strom ausfällt. Unzureichend ist auch die Versorgung mit Trinkwasser, das verschmutzt und oft kochend heiss aus den Leitungen kommt.