Verheerende Anschlagsserie

In Irak droht nach dem Abzug der US-Streitkräfte und einer Regierungskrise eine Gewalteskalation mit beunruhigenden Folgen.

Michael Wrase
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LIMASSOL. Die von Ministerpräsident Nuri al-Maliki ausgelöste schwere innenpolitische Krise in Irak hat sich durch eine Serie von Bombenanschlägen in der Hauptstadt Bagdad verschärft. Dabei kamen nach Angaben des Gesundheitsministeriums mehr als 70 Menschen ums Leben. Weit über 200 wurden teils schwer verletzt. Der verheerendste Anschlag wurde von einem Selbstmordattentäter verübt. Er sprengte sich in der Nähe eines Kindergartens in einem mit Sprengstoff gefüllten Krankenwagen in die Luft. Vier weitere Autobomben sowie zehn Sprengsätze wurden in überwiegend schiitischen Wohnvierteln zur Explosion gebracht. Aber auch in einem sunnitischen Stadtteil gab es Tote und Verletzte.

Vor allem gegen Schiiten

Bei den Anschlägen handelt es sich um die erste organisierte Terrorkampagne seit dem Abzug der letzten US-Truppen vor einer Woche. Bis am Abend beanspruchte niemand die Urheberschaft. Man kann aber davon ausgehen, dass die Attentäter sunnitische Extremisten sind. Zudem ist es möglich, dass sie Verbindungen zum Terrornetzwerk Al Qaida unterhalten. Die vor allem gegen Schiiten gerichtete Anschlagsserie könnte aber auch als Warnung sunnitischer Islamisten oder radikal-nationalistischer Kräfte gedeutet werden, die ihrer politischen Marginalisierung durch das Maliki-Regime nicht länger tatenlos zusehen wollen.

Konflikt um Vizepräsidenten

Der schiitische Regierungschef hatte zu Wochenbeginn einen Haftbefehl gegen Tarik al-Hashemi ausgestellt. Dem sunnitischen Vizepräsidenten wird Anstiftung zu Mord in mehreren Fällen vorgeworfen, was der inzwischen ins nordirakische Kurdistan geflüchtete Hashemi bestreitet. Seine Anhänger werfen Maliki vor, sich schlimmer als der vor acht Jahren gestürzte Diktator Saddam Hussein zu gebärden. Das ist zwar übertrieben, doch trifft zu, dass der Ministerpräsident mit fragwürdigen Mitteln seine Machtposition konsolidiert hat.

Nutzniesser davon war und ist auch der schiitische Iran, für den nicht nur die meisten irakischen Sunniten nichts übrig haben. Auch Saudi-Arabien und Jordanien versuchen sich gegen die «iranische Expansion» zu wehren. Dabei agieren sie nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste auch in Irak, wo in den kommenden Monaten ein Bürgerkrieg entlang konfessioneller Linien droht. Dieser könnte im schlimmsten Fall in einen saudisch-iranischen Stellvertreterkrieg ausarten.

Rufe nach Vergeltung

In den von den Terroranschlägen betroffenen schiitischen Stadtvierteln von Bagdad wurden gestern bereits Stimmen laut, die Vergeltung forderten. Die schiitische Regierung rief dagegen zu Ruhe und Besonnenheit auf und versprach, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Gleichwohl droht sich eine verhängnisvolle Spirale von Gewalt und Gegengewalt in Gang zu setzen.