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Verhaftung eines russischen Reporters gilt als Alarmsignal

Ein Journalist wird verhaftet. Mitten am Tag, mitten in Moskau. Er soll Drogen bei sich haben. Das Verfahren gegen Iwan Golunow strotzt vor Ungereimtheiten.
Inna Hartwich, Moskau
Iwan Golunow im Gerichtssaal. (Bild: Keystone (Moskau, 8. Juni 2019)

Iwan Golunow im Gerichtssaal. (Bild: Keystone (Moskau, 8. Juni 2019)

«Ich bin Golunow», steht auf den Plakaten der Menschen. Sie stehen Schlange und treten einzeln vor das Gebäude der Moskauer Innenbehörde – nur so muss eine Demonstration in Russland nicht angemeldet werden. «Wir sind Golunow», schreiben die drei führenden Zeitungen des Landes auf ihren Titelseiten am Montag und fordern «Freiheit für Iwan». Der Fall des Moskauer Investigativreporters Iwan Golunow sorgt selbst unter regimetreuen Journalisten beim Staatsfernsehen für Entsetzen, in Livesendungen nennen ihn manche einen «Test für uns alle». Die Einigkeit über das höchst umstrittene Verfahren gegen den 36-Jährigen zeigt, welches Signal von ihm an die russische Gesellschaft ausgeht. Iwan Golunow steht derweil unter Hausarrest und darf keinen Kontakt zur Aussenwelt halten.

Angefangen hatte alles am Donnerstag. Mitten am Tag, mitten in Moskau. Drogenfahnder hatten den Reporter, der für das in Lettland registrierte, russisch- und englischsprachige Onlineportal Meduza arbeitet, angehalten und ihm vorgeworfen, in seinem Rucksack drei Gramm der Droge Mephedron gefunden zu haben. In seiner Wohnung sollten sie weitere fünf Gramm Kokain sowie Geräte, die für ein Drogenlabor sprechen, finden. Ein Vorwurf, der nach russischer Gesetzgebung bis zu 20 Jahre Haft bedeutet. Erst zwölf Stunden später informierten sie seine Angehörigen.

Alle, die sich zum Fall äussern, gehen davon aus, dass Golunow die Drogen untergeschoben worden seien, dass es sich dabei um ein in Russland nicht seltenes «bestelltes» Verfahren handele, um unliebsame Personen loszuwerden.

Etliche Ungereimtheiten treten zutage: Die Polizisten prüften nicht, ob er mit den Drogen tatsächlich in Kontakt gekommen war (eine Untersuchung ergab keine Auffälligkeiten), sie hielten ihn länger fest als gesetzlich erlaubt, und selbst bei den Bildern, die die Polizei aus Golunows angeblichem Drogenlabor publizierte, mussten die Beamten später zugeben, diese würden gar nicht aus dessen Wohnung stammen. Golunow hatte sich in seinen Texten mit Strukturen rund um den Umbau Moskaus sowie mit mafiaähnlichem Vorgehen im russischen Bestattungswesen beschäftigt. Er sei zuletzt bedroht worden, sagte er seinen Anwälten. Während seines Verhörs sei er schwer misshandelt worden. Erst mit dem Eintreffen eines dritten Notarztes war der Journalist am Samstag in ein Krankenhaus gekommen, die Ärzte stellten eine Gehirnerschütterung, Rippenbrüche und Hämatome fest.

Dennoch musste er ins Gericht. Im Käfig des Gerichtssaals fing er an zu weinen, als seine Anwältin ihn fragte, wie es ihm gehe. «Ich hätte nie gedacht, dass ich bei meiner eigenen Beerdigung dabei sein werde.» Aus Angst, ihm würden Drogen ins Essen gemischt, hatte er zwei Tage lang nichts gegessen und kaum geschlafen.

Die Resonanz, die sein Fall auslöst, ist beachtlich. Während seiner Verhandlung am Samstag versammelten sich Hunderte vor einem Bezirksgericht am Rande Moskaus, sie harrten, trotz Gewittern, bis spät in die Nacht aus, die Rufe nach Freiheit waren auch im Gerichtssaal zu hören. Als der Richter schliesslich ankündigte, Golunow komme für zwei Monate unter Hausarrest, jubelten seine Anhänger, als hätte gerade ihre Fussballmannschaft gewonnen.

Dieser Jubel war der Erleichterung geschuldet, einer Erleichterung mit bitterem Beigeschmack. Ein Land, in dem schon Hausarrest nach einem höchst fragwürdigen Verfahren gefeiert wird, sendet Zeichen alarmierender Beunruhigung aus. Das Verfahren gegen Golunow ist nicht nur eine Bedrohung für jeden kritischen Journalisten im Land – und von denen gibt es trotz schwerer werdenden Bedingungen einige –, es ist ein Signal gegen jeden in Russland. Denn es zeigt, wie alle russischen Bürger dem korrupten Sicherheits- und Justizapparat ausgeliefert sind. Gerade deshalb braucht es solche Recherchen wie die Golunows. Der laute Jubel über den Hausarrest war da lediglich der Beginn eines harten Kampfes für die Freiheit des Journalisten – und für die Freiheit eines jeden Russen.

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