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Verbrämter Twitter-Ritter aus der Schweiz will eigene Partei gründen

Unflätig, kindisch, gewaltsam: Frankreichs Politsitten verludern nicht erst seit der Gelbwesten-Krise. An vorderster Front twittert Joachim Son-Forget, Abgeordneter der Auslandfranzosen in der Schweiz.
Stefan Brändle, Paris
Meldet auch schon seine Aspirationen auf den Präsidentschaftswahlkampf 2022 an: Joachim Son-Forget. (Jean-Christophe Bott/Keystone)

Meldet auch schon seine Aspirationen auf den Präsidentschaftswahlkampf 2022 an: Joachim Son-Forget. (Jean-Christophe Bott/Keystone)

Er ist so etwas wie der Harry Potter der französischen Politik. Der Vollwaise Joachim Son-Forget hat den Ruf eines talentierten, wenn nicht brillanten jungen Mannes, der in Lausanne als Radiologe arbeitet, mit seinem Cembalo ­Solokonzerte gibt und daneben noch Karate betreibt. 1983 in Südkorea geboren und von unbekannten Eltern sogleich ausgesetzt, wurde er von einem französischen Paar adoptiert. Er wuchs in Langres im Osten des Landes auf und ist zum zweiten Mal verheiratet. Heute wohnt er in Genf und pendelt zwischen der Lausanner Klinik und Paris, wo er seit 2017 als Vertreter der Macron-Partei «La République en marche» (LRM) in der Nationalversammlung sitzt. Dorthin hatten ihn die 130000 Franzosen in der Schweiz und in Liechtenstein 2017 mit grossem Mehr gewählt.

Für Furore sorgt der 35-Jährige nun in den sozialen Medien. Als der Abgeordnete mit einem Leuchtstab à la Star Wars herumfuchtelte, schauten sich über eine Million Leute das Video an. Aufsehen erregte das Mitglied der ­reputierlichen aussenpolitischen Kommission der Nationalversammlung auch mit rabiaten Twitter-Sprüchen. US-Präsident Donald Trump bedeutete er nach dessen Kritik an den Gewaltszenen in Paris etwa: «La France ­kisses your ass», höflich übersetzt: Du kannst Frankreich mal.

Solidarität mit Schweizer «Doppeladlern»

Der Spezialist in kognitiver Psychologie – wie es sein Lebenslauf besagt – macht aber auch seriöse Vorschläge. So regte er in den ­sozialen Medien an, Frankreich solle sich vom Arbeitsrecht der Schweiz inspirieren lassen; mit Verweis auf das eidgenössische Rotationssystem schlägt er die Beschränkung der präsidialen Amtsdauer auf ein Jahr vor.

Dank seiner zunehmenden Bekanntheit kandidierte Son-Forget schon zweimal für den Vorsitz der Partei LRM. Gegen Macrons offiziellen Kandidaten hatte er keine Chance, doch erhielt er immerhin 18 Prozent der Stimmen. Dann wieder leistete er sich einen Schildbürgerstreich, als er aus Solidarität mit den «Doppeladlern» der Schweizer Fussballnationalelf um die kosovarische Staatsbürgerschaft ersuchte – und diese im Juni 2018 auch prompt erhielt.

Zum Éclat kam es im Dezember, als der rührige Abgeordnete eine grüne Senatorin mit dem Twitter-Spruch beleidigte, sie sei ein wandelnder Schminktopf. Selbst Parteifreunde prangerten darauf seinen «Sexismus» und seine «Vulgarität» an und erinnerten daran, dass er schon Verständnis für einen homophoben Schausteller geäussert habe. Die Fraktion gab bekannt, sie werde sich Mitte Januar den Fall Son-Forget vorknöpfen. Er kam ihr aber vor Neujahr zuvor und gab seinen Austritt aus der Macron-Partei bekannt.

Aspirationen auf die Präsidentschaft

Diese Woche hat er angekündigt, er gründe eine Partei namens «Je Suis Français et Européen». Dessen Kürzel JSF stimmt mit den Initialen Son-Forgets überein, wie es Emmanuel Macron mit seiner Bewegung «En Marche» vorgemacht hatte. Nach gut zwei Jahren an Macrons Seite meint der abtrünnige Mitstreiter heute, die Partei LRM sei schon «veraltet», weil Teil der Pariser Elite geworden. Den gleichen Diskurs führen derzeit die Gelbwesten, die ihrerseits die etablierten Kanäle umgehen und meist nur noch über die sozialen Netzwerke kommunizieren.

Bei seinen intellektuell verbrämten Wortmeldungen kritisiert Son-Forget den «Zerrspiegel» und die «Post-Wahrheit» der digitalen Medien. Mit seinen infantil-narzisstischen Auftritten verwechselt er aber zuweilen selbst Posse und Politik: Im Internet zeigt er sich einmal in einer Fotomontage grinsend in einer WC-Schüssel, dann wieder piekfein in Anzug und Krawatte neben einer Frankreich-Flagge – um seine Aspirationen auf den Präsidentschaftswahlkampf 2022 anzumelden. Seine Tiraden gegen die angeblich verschworenen Pariser Eliten passen zu den Twitter-Attacken, Shitstorms und Komplotttheorien im Netz. Sie stacheln derzeit zweifellos auch die aktuellen Gewaltexzesse auf den Pariser Boulevards an.

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