USA: Zynismus statt Optimismus

Wie konnte das passieren? Hätte John Fitzgerald Kennedy heute seinen hundertsten Geburtstag noch erlebt, hätte er sein Amerika nicht mehr wiedererkannt. Ein Land, das zu seiner Zeit nach der Überwindung immer neuer Grenzen strebte, schottet sich ab.

Thomas Spang, Washington
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Präsident John F. Kennedy im Weissen Haus, wenige Monate nach seinem Amtsantritt. (Bild: Paul Schutzer/Getty (Washington, April 1961))

Präsident John F. Kennedy im Weissen Haus, wenige Monate nach seinem Amtsantritt. (Bild: Paul Schutzer/Getty (Washington, April 1961))

Die Worte des jugendlichen Präsidenten bei seiner Amtseinführung am 20. Januar 1961 kann vermutlich jedes Schulkind zitieren. «Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern, was du für dein Land tun kannst», appellierte Kennedy an die Amerikaner, die ihm mit einer denkbar knappen Mehrheit den Vorzug vor Richard Nixon gegeben hatten.

Der jüngste Präsident in der Geschichte der USA verbreitete mit seiner glamourösen Frau Jackie Aufbruchstimmung in einer Nation, die sich im Kalten Krieg mit der Sowjetunion auch innerlich aufgerieben hatte. Von den Hexenjagden Joe McCarthys über die Rassentrennung bis hin zu den wachsenden Verwerfungen über den Vietnamkrieg.

Unterschiedliche Visionen

Kennedy wandte sich den «Mitbürgern in der ganzen Welt» zu, die er als Verbündete im Ringen um «die Freiheit der Menschen» sah. Militarismus setzte er Diplomatie entgegen. «Lasst uns niemals ängstlich verhandeln. Aber lasst uns auch niemals ängstlich sein, zu verhandeln.» Es war nicht weniger als «ein neuer Anfang», den Kennedy versprach. Die Ausführungen Donald Trumps zur Amtseinführung genau 56 Jahre später könnten nicht verschiedener sein. An einem regnerischen Tag beschwört der älteste US-Präsident einen düsteren Ethnonationalismus, der in merkwürdigem Kontrast zu dem auf dem Sockel der Freiheitsstatue festgehaltenen Versprechen steht. «Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren ... Hoch halt ich mein Licht am goldenen Tore!»

John Fitzgerald Kennedy, zu seiner Zeit als Senator von Massachusetts mit Jacqueline Kennedy auf ihrem Balkon in Georgetown im Jahr 1954. (Bild: Keystone)
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Der junge Senator John F. Kennedy im Jahr 1954. Im Hintergrund Jacqueline Kennedy und Schwägerin Ethel Kennedy. (Bild: Keystone)
Senator John Fitzgerald Kennedy und Jacqueline Kennedy posieren am 8. Dezember 1960 mit ihrem Sohn John F. Kennedy Jr.. (Bild: Keystone)
Senator John Fitzgerald Kennedy (links) und der damalige Vicepräsident Richard Nixon posieren am 26. September 1960 vor ihrer gemeinsamen Fernsehdebatte während der Präsidentschaftswahlen. (Bild: Keystone)
First Lady Jacqueline Kennedy und Präsident John Fitzgerald Kennedy am 31. Mai 1961 in Paris. (Bild: Keystone)
Wahlkampf im Oktober 1960 in New York. (Bild: Keystone)
Caroline Kennedy (3) küsst ihr Brüderchen John F. Kennedy Jr., Aufnahme aus dem Jahr 1961 in Palm Beach, Florida. (Bild: Keystone)
Aufnahme vom 9. November 1960: Caroline Kennedy wird von ihrem Vater getragen. (Bild: Keystone)
Der grosse und der kleine John am 25. Mai 1962. (Bild: Keystone)
Aufnahme vom 31 August 1962. (Bild: Keystone)
Der amerikanische Präsident John F. Kennedy hält am 26. Juni 1963 seine berühmte Rede mit dem Ausspruch "Ich bin ein Berliner" in Berlin. (Bild: Keystone)
John F. Kennedy steht am 26. Juni1963 während seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin an den Mikrophonen. Mit dem legendären Satz "Ich bin ein Berliner" drückte er seine Verbundenheit mit den Menschen in der geteilten Stadt aus. (Bild: Keystone)
Der damalige US-Präsident John F. Kennedy (l), der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke und der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer stehen im Juni 1963 auf der Terrasse der Villa Hammerschmidt in Bonn. (Bild: Keystone)
US-Präsident John Fitzgerald Kennedy in West Berlin. (Bild: Keystone)
Kennedy studiert Dossiers am 18. Januar 1962 im Weissen Haus. (Bild: Keystone)
US-Präsident John F. Kennedy und seine Frau. Jackie Kennedy starb am 19. Mai.1994. (Bild: Keystone)
Senator John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson, der spätere Vicepräsident und dann Nachfolger von Kennedy. (Bild: Keystone)
Präsident John F. Kennedy (r) mit seinen Brüdern Robert F. Kennedy (l) und Edward M. Kennedy (M) am 28. August 1963. (Bild: Keystone)
Kennedy mit seinem Sohn John und Tochter Caroline im Oval Office am 10. Oktober 1962. (Bild: Keystone)
Vater und Sohn am 10. Oktober 1963 im Weissen Haus. (Bild: Keystone)
John F. Kennedy (links) mit Vice Präsident Lyndon B. Johnson vor dem Weissen Haus. (Bild: Keystone)
Strahlender Kennedy während einer Pressekonferenz am 20. November 1962. (Bild: Keystone)
U.S Präsident John F. Kennedy, 1963. (Bild: Keystone)
Die First Lady Jacqueline Kennedy und der Präsident kommen am 22. November 1963 in Dallas, Texas, an. (Bild: Keystone)
Die Präsidentschaft Kennedys nahm am Freitag, 22. November 1963, durch ein Attentat ein tragisches Ende. (Bild: Keystone)
Präsident John F. Kennedy - eine Minute vor dem Attentat. (Bild: Keystone)
Sekunden nachdem Schüsse John F. Kennedy getroffen haben kümmert sich die First Lady um ihren verletzten Mann. (Bild: Keystone)
Witwe Jacqueline Kennedy auf den Treppen des Capitols mit Tochter Caroline und Sohn John Jr. am Tag der Beerdigung, am 24. November 1963. (Bild: Keystone)
Jacqueline Kennedy küsst den Sarg ihres ermordeten Mannes. (Bild: Keystone)
Beerdigungszeremonie für den ermordeten Präsidenten der USA am 24. November 1963. (Bild: Keystone)

John Fitzgerald Kennedy, zu seiner Zeit als Senator von Massachusetts mit Jacqueline Kennedy auf ihrem Balkon in Georgetown im Jahr 1954. (Bild: Keystone)

Wo Kennedy Hoffnung säte, beklagt Trump den Untergang der USA und erhebt das Streben nach Dominanz zur Staatsdoktrin – «von nun an gilt nur noch: Amerika zuerst, Amerika zuerst». Das Versprechen JFKs im Wahlkampf, durch das Überschreiten immer neuer Grenzen («New Frontiers») Fortschritt zu bringen, kontrastiert Trump mit der Bekräftigung, eine 2000 Meilen lange Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen, den Freihandel aufzugeben und die Verbündeten der USA für die gewährte Sicherheit Tribut zahlen zu lassen.

Die Visionen des 35. und des 45. Präsidenten könnten nicht verschiedener sein. Trump stellt Kennedys Appell, nach dem Gemeinwohl zu streben, auf den Kopf. Der Narzisst im Weissen Haus hinterlässt den Eindruck, als ginge es in erster Linie darum, sein persönliches Wohl zu fördern. Wie der Herrscher einer Bananenrepublik vergibt Trump Regierungsämter an Mitglieder seiner Familie. Er holt Lieblingstochter Ivanka ins Weisse Haus und macht Schwiegersohn Jared Kushner zu seinem Chefberater. Seine beiden Söhne führen das Bauimperium weiter und profitieren schamlos von dem Amt des Vaters. Dieser denkt nicht im Traum daran, sich wirklich von seinem Geschäft zu trennen.

Kennedy riss alle Amerikaner mit

An dieser Stelle gibt es eine Schnittmenge zu Kennedy, der seinen Bruder Robert zum Justizminister machte. Der Unterschied zum Trump-Clan bestand darin, dass RFK, wie viele andere Mitglieder der Kennedy-Familie, nicht die Mehrung des eigenen Reichtums, sondern den Dienst an der Gesellschaft zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Der am 29. Mai 1917 als zweites von neun Kindern von Joe und Rose Kennedy in Brookline, Massachusetts, in privilegierten Verhältnissen zur Welt gekommene John saugte den Gedanken, der Gesellschaft freiwillig etwas zurückzugeben, mit der Muttermilch auf.

Der ebenfalls in Reichtum gross gewordene Trump sah sich dagegen zeitlebens als Opfer der Eliten in Manhattan, die den ungehobelten Angeber aus Queens nicht für salonfähig hielten. Opfer der Politiker in Washington, die für andere Länder seine Steuern ausgeben, ohne eine Gegenleistung dafür zu bekommen. Und Opfer der Unterhaltungswelt in Hollywood, die ihn wie einen Aussenseiter behandelte.

Trumps emotionales Bindeglied zu seinen überwiegend weissen Anhängern besteht in der gemeinsam empfundenen Opferrolle. Daraus leiten sie mit weinerlichem Anspruchsdenken das Recht ab, sich über andere zu erheben: über fremde Staaten, Einwanderer und die demokratischen Institutionen. Kennedy riss nicht nur seine Fans, sondern alle Amerikaner mit. Die sahen in dem dynamischen Politiker jemanden, mit dem sie sich identifizieren konnten. Geboren im Jahr des Eintritts der USA in den Ersten Weltkrieg, verletzt im Zweiten Weltkrieg und angetreten mit der Verheissung, Amerikas universales Versprechen von Wohlstand, Gerechtigkeit und Freiheit überall einzulösen.

Ein Fortschrittsoptimismus, der mit der Mondmission ein greifbares Symbol der Entgrenzung erhielt und mit der Gründung des Peace-Corps jungen Amerikanern die Möglichkeit verschaffte, ihren Teil beizutragen. Kennedys berühmter Satz nach dem Mauerbau – «Ich bin ein Berliner» – unterstrich, wie universal er die Werte der «unverzichtbaren Nation» dachte. So klar sich die Gegensätze skizzieren lassen, so komplex bleiben die Antworten auf die Frage, was in den USA schiefgelaufen ist. Wie konnte der idealistische Aufbruch der Kennedy-Jahre in der Sackgasse der Präsidentschaft eines selbstverliebten Kleinkrämers enden, der sich im wahrsten Sinne des Wortes «antiamerikanisch» verhält? Ein Stück weit ist die Antwort in dem tragischen Ende Kennedys am 22. November 1963 in Dallas angelegt. Das Attentat liess Amerika und die Welt im Schock zurück. Die sichtbare Trauer über seinen Tod illustrierte die Popularität JFKs, der mit Zustimmungswerten um die 70-Prozent-Marke so beliebt war wie kein anderer Präsident vor und nach ihm.

Trotzdem kam seine politische Agenda zu Lebzeiten nicht richtig voran. Die Überwindung der Rassentrennung stockte ebenso wie die versprochene Steuer- und Einwanderungsreform. Aussenpolitisch erwies sich die gescheiterte Invasion der Schweinebucht als Blamage, wie nicht wenige die Raketenkrise auf Kuba für das Ergebnis einer zu kompromissbereiten Politik gegenüber Moskau sahen. Während Kennedy seinen unwiderstehlichen Charme zu nutzen verstand, um Defizite vergessen zu machen – die Frauengeschichten, seine angeschlagene Gesundheit und die wenigen gesetzgeberischen Erfolge –, hielt der Camelot-Mythos den Glauben an ein besseres Amerika wach.

Erst der Kennedy-Mord brachte Nachfolger Lyndon B. Johnson in die Position, die Gesetze durch den Kongress zu bringen. Doch damit traten auch viele Gegensätze wieder offen zu Tage. Es folgten schwere Rassenunruhen und Studentenproteste, die Ermordung von Martin Luther King Jr. und Kennedys jüngerem Bruder Bobby sowie später die Watergate-Affäre mit dem Rücktritt von Präsident Richard Nixon.

Die von Ronald Reagan eingeleitete Privatisierungspolitik und die Entfesselung der Weltmärkte, die Bill Clinton mit voller Kraft ungebremst fortführte, verhalfen der Globalisierung nirgendwo so dramatisch zum Durchbruch wie in den USA. Die Nachfolger Kennedys vergassen dessen Mahnung am Tag der Amtseinführung, dass «eine freie Gesellschaft, die den vielen Armen nicht helfen kann, die wenigen Reichen nicht retten wird».

Trump und JFK verstanden es, die Medien zu nutzen

Barack Obama verstand das und führte die universale Krankenversicherung ein. Danach sah er sich einer Totalblockade durch den republikanischen Kongress ausgesetzt. Es kam nichts mehr voran. Trump beutete die Situation mit sicherem Instinkt aus. Wie Kennedy verstand der «America First»-Präsident, ein neues Medium in der Popkultur effizient zu nutzen. JFK liess Nixon in der Fernsehdebatte sprichwörtlich «alt» aussehen. Trump nutzte sein Twitterprofil, um an den etablierten Medien vorbei mit seinen Anhängern zu kommunizieren. Dass er bei der gezielten Ansprache seiner Fans via soziale Medien Schützenhilfe aus Russland erhielt, macht die Angelegenheit delikat.

Die skrupellose Kooperation mit einer gegnerischen Macht, die mutmassliche Abstimmung mit ihr und der offenkundige Versuch Trumps, die Aufklärung zu behindern, zeigt, wie tief die Verwerfungen am hundertsten Geburtstag John F. Kennedys geworden sind. JFK baute mit seinem Optimismus, der Behauptung von Menschen- und Bürgerrechten und dem Glauben an ein besseres Morgen für alle ein Bollwerk der Freiheit gegen den Anspruch der Sowjets. Trump betrachtet die Autokraten im Kreml als Verbündete. Sein Amerika ist der Gegenentwurf zu der Vision Kennedys, der an seinem hundertsten Geburtstag wie ein Mann aus einer anderen, hoffnungsvolleren Zeit wirkt.

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