USA verlängern Einreisesperre
Joe Biden lässt unsere amerikanischen Träume platzen – und setzt Amerikas Ansehen aufs Spiel

US-Touristen dürfen seit Juni wieder nach Europa reisen. Trotzdem bleiben die amerikanischen Tore für Europäer auf unbestimmte Zeit zu. Das ist nicht nur unfair, sondern politisch gefährlich.

Samuel Schumacher
Samuel Schumacher
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Heisst auch in diesem Sommer keine europäischen Touristen willkommen: die Freiheitsstatue in New York City.

Heisst auch in diesem Sommer keine europäischen Touristen willkommen: die Freiheitsstatue in New York City.

Gautam Krishan/unsplash

Die Sonnenuntergänge an Kaliforniens Küste, die leuchtenden Strassenschluchten von New York, die mächtigen Tiefen des Grand Canyon: Das bleiben für uns Europäer auch in diesem Sommer unerfüllte amerikanische Träume. Seit Montagabend wissen wir: Die Vereinigten Staaten wollen uns nicht. Die Grenzen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bleiben zu – mindestens für alle Bürger des Schengen-Raums, die Briten, die Iren, die Brasilianer, Südafrikaner, Inder, Chinesen und Iraner.

Die Ankündigung aus dem Weissen Haus, dass man die seit März 2020 geltende Einreisesperre auf unbestimmte Zeit verlängere, ist zum einen ein schwerer Schlag für die Reisebranche. Amerika war vor der Pandemie eines der beliebtesten Ferienziele der Schweizerinnen und Schweizer. Das seien doch «keine Zustände», echauffierte sich Globetrotter-Chef André Lüthi auf der Plattform «Travelnews» stellvertretend für eine ganze Branche.

Zum anderen geht die Regierung von US-Präsident Joe Biden mit dem Entscheid auch ein politisches Risiko ein. Seine sture Haltung könnte die europäischen Partner schneller vergraulen, als ihm lieb ist. Noch Mitte Juli hatte er Kanzlerin Angela Merkel versprochen, dass er sich die Sache «in den kommenden Tagen» anschauen werde. Einen guten Monat zuvor öffnete die EU ihre Grenzen wieder für amerikanische Touristen – natürlich in der Hoffnung, dass die USA gleichziehen und die einst von Donald Trump geforderte «Reziprozität» punkto Reisefreiheit herstellen würden.

Doch nichts da. Die USA bleiben zu – auf dem Landweg sogar für die unmittelbaren Nachbarn Kanada und Mexiko. «Science», die Wissenschaft also, das sei der Grund für die transatlantische Absage, liess Bidens Sprecherin Jen Psaki ausrichten. Die USA kämpfen wie viele andere Länder derzeit mit einem rasanten Anstieg der Fallzahlen. Mehr als 80 Prozent der Neuansteckungen gehen auf die aggressive Delta-Variante zurück. Die beruhigenden Nachrichten: Von 100 Personen, die in Amerika wegen Covid-19 hospitalisiert werden müssen, sind 97 ungeimpft.

US-Präsident Joe Biden hält an der von seinem Vorgänger Donald Trump verhängten Einreisesperre für Europäer fest.

US-Präsident Joe Biden hält an der von seinem Vorgänger Donald Trump verhängten Einreisesperre für Europäer fest.

AP

Warum also nicht einfach den vernünftigen Zwischenweg wählen und die Tore für doppelt geimpfte Touristen öffnen? Die Frage stellt sich umso mehr, als die amerikanischen Grenzen etwa für Reisende aus der Türkei oder Australien, wo die Fallzahlen ebenfalls steigen, weiterhin offen sind. Das europäische Kopfschütteln über diese touristische Zwei-Klassen-Politik sollte Biden zu denken geben. Die Strahlkraft des freiheitsliebenden Amerika nimmt rasch ab, wenn es seine geimpften, transatlantischen Freunde herablassend behandelt.

Die amerikanische Tourismus-Industrie wird den zweiten Sommer ohne europäische Besucher gut wegstecken. Ausländische Touristen tragen nur rund einen Sechstel zu den Tourismuseinnahmen bei. Und die Amerikaner selber sind gar nicht so unglücklich, dass ihnen keine Briten, Deutsche und Schweizer in den Nationalparks die Aussicht versperren und in den Hotels das Zmorge-Buffet streitig machen. Wenn Amerika seine europäischen Fans aber ausgerechnet in dieser heissen geopolitischen Phase vor den Kopf stösst, in der andere Länder mit schönen Landschaften um die Gunst der Alten Welt buhlen, dann wäre das ein brandgefährlicher pandemischer Nebeneffekt.

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