NS-Verbrechen: Die USA sind ihren letzten SS-Schergen los

Berlin wollte ihn genauso wenig wie Warschau oder Kiew. Doch nun haben die USA den ehemaligen KZ-Aufseher Jakiv Palij nach Deutschland abgeschoben.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Jakiv Palij bei seinem Transport zum New Yorker Flughafen. (Bild: AP; 20. August 2018)

Jakiv Palij bei seinem Transport zum New Yorker Flughafen. (Bild: AP; 20. August 2018)

Der 95 Jahre alte Jakiv Palij landete heute Morgen auf dem Flughafen Düsseldorf, mit einem Krankentransporter wurde der gesundheitlich angeschlagene Mann in ein Altenpflegeheim im Münsterland gebracht. Die USA haben sich damit nach vielen Jahren des Bemühens eines lästigen Problems entledigt. Immer wieder verlangten Politiker und Vertreter jüdischer Organisationen von der US-Regierung, den zuletzt in New York von der Sozialhilfe lebenden, ehemaligen SS-Wachmann ausser Landes zu bringen.

Ein Mann, der dem Nazi-Unrechtsregime gedient hatte, sollte in den USA nicht unbehelligt seinen Lebensabend verbringen dürfen, hiess es. Zuletzt hatte US-Präsident Donald Trump die Causa Palij zur Chefsache erklärt. Nun sind die USA den mutmasslich letzten in ihrem Land lebenden SS-Schergen los.

Palij soll an der Ermordung von 6000 Juden mitgewirkt haben

Viele Jahre lang hatte sich Deutschland indes geweigert, den ehemaligen «Hilfswilligen» der SS aufzunehmen. Palij wurde während des Zweiten Weltkriegs im Arbeitslager Trawniki in Ostpolen von der SS ausgebildet. Er soll nach Angaben von US-Ermittlern in dem Lager an der Ermordung von 6000 Juden mitgewirkt haben. Die deutsche Justiz fühlte sich für den gebürtigen Polen, der 1949 in die USA ausgewandert war, nicht zuständig. Auch Polen und die Ukraine – Palijs früherer polnischer Geburtsort ist heute Teil der Ukraine – wollten den Mann nicht aufnehmen. Dass Deutschland den mutmasslichen Kriegsverbrecher – Palij selbst bestreitet, an der Ermordung von Juden beteiligt gewesen zu sein – jetzt aufnimmt, ist als Geste des guten Willens zu sehen.

Aussenminister Heiko Maas sagte gegenüber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»: «Wir stellen uns der moralischen Verpflichtung Deutschlands, in dessen Namen unter den Nazis schlimmstes Unrecht getan wurde.» Der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, zeigte sich über die Aufnahme erleichtert: «Wir sind dankbar für diesen Beitrag dazu, den Opfern des Holocaust und ihren Familien bei der abschliessenden Verarbeitung der Ereignisse ein Stück weiterzuhelfen.»

Prozess erscheint unwahrscheinlich

Dass Palij nun in Deutschland der Prozess gemacht wird, ist allerdings unwahrscheinlich. Laut der zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg laufen derzeit keine Ermittlungen gegen ihn. «Die blosse Mitgliedschaft in der SS oder die Ausbildung im Lager Trawniki» reichten für Ermittlungen wegen Beihilfe zu Mord nicht aus, sagt der Leiter der Dienststelle, Jens Rommel, gegenüber der «Süddeutschen Zeitung». Für Ermittlungen seien neue Beweise vonnöten.

Im Lager Trawniki bildete die SS ab 1941 insgesamt 4000 bis 5000 zu grossen Teilen aus dem Baltikum, Polen und der Ukraine stammende Männer zu SS-Helfern aus. Auf Jakiv Palij wurden die US-Behörden nach Ermittlungen erst im Jahr 2001 aufmerksam. Seit 2005 versucht Washington, den Mann abzuschieben.