USA
«Hunderte Todesfälle»: Rettungskräfte zeichnen ein düsteres Bild von den «Ian»-Schäden in Florida

Meterhohe Flutwellen und Böen von bis zu 200 Kilometern pro Stunde: Hurrikan «Ian» hat die Westküste des US-Bundesstaates Florida mit voller Wucht getroffen. Ein lokaler Sheriff spricht von einer hohen Zahl von Todesfällen.

Renzo Ruf, Washington
Drucken

Video: Katja Jeggli

Ein Sturm, wie ihn die Westküste Floridas schon lange nicht mehr gesehen hat: Hurrikan «Ian», der am Mittwoch kurz nach 15 Uhr (Lokalzeit) in der Nähe der beiden Städte Punta Gorda und Port Charlotte an Land trat, stellte in den vergangenen Stunden das Leben in der Ferienregion auf den Kopf. Sturmwinde der Hurrikan-Kategorie 2 mit Böen von bis zu 200 Kilometern pro Stunde und anhaltender Starkregen sorgte südlich des Ballungsraums Tampa Bay für katastrophale Zustände.

Über den Ausmass der Schäden herrschte vorerst Unklarheit, weil wichtige Verbindungsstrassen unpassierbar und gegen 2 Millionen Haushaltungen ohne Strom waren. In einem Telefoninterview mit der Fernsehsendung «Good Morning America» sprach der Sheriff des Verwaltungsbezirks Lee County am Donnerstag von «Hunderten Todesfällen».

Sheriff Carmine Marceno, ein Republikaner, ist zuständig für einen Bezirk, der die Städte Fort Myers und Cape Coral umfasst. Er sagte: Tausende von Menschen warteten immer noch darauf, gerettet zu werden. Derzeit aber sei es Polizei und Feuerwehr nicht möglich, sich in die stark betroffenen Wohnquartiere vorzuarbeiten. Floridas Gouverneur Ron DeSantis, ein Parteikollege von Marceno, wollte diese Zahlen vorerst nicht kommentieren. Er sagte an einer Pressekonferenz nur, dass es sich dabei um unbestätigte Angaben, basierend auf der Zahl der Notrufe, handle.

Der Hurrikan «Ian» zog zu Wochenbeginn über Kuba und verursachte auf Karibik-Insel einen Stromausfall.

Der Hurrikan «Ian» zog zu Wochenbeginn über Kuba und verursachte auf Karibik-Insel einen Stromausfall.

Bild: Ramon Espinosa / AP

Augenzeugen-Videos gaben derweil einen ersten, flüchtigen Eindruck über die schiere Zerstörungskraft von «Ian». So stieg das Wasser im Strandort Fort Myers Beach um mehr als 2 Meter an, als der Hurrikan ganz in der Nähe, bei der Ferieninsel Cayo Costa, erstmals amerikanisches Land erreichte. Die Wassermassen zerstörten baufällige Häuser und spülten Fahrzeuge weg oder überfluteten Durchgangsstrassen.

Noch stärker war die Wucht des Hurrikans im Randbereich des Auge. Der Meteorologe Mike Seidel sagte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, es habe mehr als fünf Stunden gedauert, bis der Wirbelsturm vollständig vorbeigezogen sei. «Ich habe in mehr als 30 Jahren noch nie etwas Vergleichbares erlebt.»

Die dicht besiedelten Ferienorte von St. Petersburg und Tampa im Norden bis Naples im Süden lagen in der Nacht auf Donnerstag weitgehend lahm. Wichtige Durchgangsstrassen waren gesperrt oder nicht passierbar. So wurde die einzige Brücke, die das Festland mit der Ferieninsel Sanibel verbindet, durch den Sturm zerstört. Sämtliche wichtigen Flughäfen waren geschlossen. Aus Tampa, Orlando und Fort Myers hiess es allerdings, dass die jeweiligen Flughäfen vielleicht bereits am Freitag wieder geöffnet werden könnten.

Wetterkameras an der Westküste Floridas zeigen die Zerstörungswut des Hurrikans Ian.

Youtube/Fox9

Floridas Gouverneur DeSantis hatte zuvor sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner der Küstenregion in eindringlichen Worten dazu aufgerufen, die Gefahr ernst zu nehmen, die von «Ian» ausgehe. Den Menschen, die sich vor Ankunft des Sturms in Sicherheit gebracht hatten, rief er zu: «Es gibt keinen Grund, zurück zu eilen.» Es werde sicherlich einige Zeit dauern, bis sämtliche Schäden behoben seien, sagte der Gouverneur.

Auch in Orlando steht das Leben still

Die Auswirkungen des Hurrikans, der am Donnerstag über den «Sunshine State» in Richtung Atlantik ziehen wird, bevor er dann am Freitag in Georgia oder South Carolina wieder an Land stösst, bekam auch der Rest des Bundesstaates zu spüren. So entschied sich der Disney-Konzern, die Freizeitparks im Grossraum Orlando vorderhand zu schliessen. Auch der internationale Flughafen von Orlando, einer der zehn belebtesten Airports in den USA, stellte den Betrieb bis voraussichtlich Freitag ein.

Weniger stark betroffen von «Ian» ist hingegen die südöstliche Spitze Florida. Der Wetterbericht für Miami Beach, dem beliebten Ferienziel vieler Schweizerinnen und Schweizer, sagt spätestens für den Freitag prächtiges Strandwetter voraus.

Hurrikan hat sich mittlerweile abgeschwächt

Hurrikan «Ian» hat sich auf seinem Weg durch den US-Bundesstaat Florida abgeschwächt. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometern pro Stunde habe «Ian» inzwischen die niedrigste Stärke eins von fünf, teilte das Hurrikanzentrum mit. Als Wirbelsturm der Kategorie vier hatte «Ian» am Mittwoch die Westküste Floridas getroffen und heftige Winde, Regen und Sturmfluten gebracht.

Trotz Abschwächung war auf seinem Weg ein mehr als hundert Kilometer breiter Landstreifen heftigen Unwettern ausgesetzt. In der Nacht zum Donnerstag befand sich der Sturm den Experten zufolge rund 110 Kilometer südlich von Orlando.

Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie Regen durch Strassen peitschte, von Autos nur die Dächer aus den Fluten herausragten und Trümmer durch die Luft flogen. «Ian» dürfte in die Liste der fünf schwersten Hurrikans in Florida kommen, sagte Floridas Gouverneur Ron DeSantis.

Am Dienstag war «Ian» als Hurrikan der Kategorie drei von fünf in Kuba auf Land getroffen. In dem Staat mit gut elf Millionen Einwohnern fiel der Strom zeitweise landesweit aus. (dpa)