US-Manager in Geiselhaft chinesischer Arbeiter

Chinesische Arbeiter haben einen US-Manager eine Woche lang in Geiselhaft genommen, um hohe Entschädigungen zu erzwingen. Die Polizei liess sie gewähren – kein Einzelfall.

Bernhard Bartsch
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PEKING. Wenn westliche Manager öffentlich über China sprechen, sagen sie meist nur Gutes und gehen mit Kritikern Chinas hart ins Gericht. Berichte über Korruption oder Menschenrechtsverletzungen werden in Wirtschaftskreisen gerne als Ausdruck einer angeblich antichinesischen Haltung westlicher Medien dargestellt, von der es sich zu distanzieren gilt.

Wo dabei die Grenzen zwischen Überzeugung und Kalkül verlaufen, ist unklar. Sicher ist aber, dass Äusserungen ausländischer Firmenvertreter in der Volksrepublik genau verfolgt werden. Wer positive Meinungen vertritt, gilt als Freund Chinas, wer Kritik übt, muss mit Retourkutschen rechnen, die Unternehmen teuer zu stehen kommen können.

Geiselnehmer setzen sich durch

Nach den jüngsten Ereignissen in einer Fabrik nördlich von Peking dürfte aber auch Chinas Fürsprechern in der Wirtschaftswelt mulmig werden. Sieben Tage haben chinesische Arbeiter den US-Manager Chip Starnes von der Firma Speciality Medical Supplies in seiner Fabrik in Geiselhaft gehalten, um ihre eigene Entlassung und die damit verbundenen hohen gesetzlichen Abfindungen zu erzwingen.

Die Behörden liessen die Belegschaft gewähren und betrachteten die Freiheitsberaubung als firmeninternen Konflikt, anscheinend in der Erwartung, Starnes werde sich aus seiner misslichen Lage freikaufen. Lediglich vor körperlicher Gewalt nahm die Polizei den Manager in Schutz, nachdem bekannt geworden war, dass die Arbeiter ihn in den ersten Nächten am Schlafen gehindert, mit grellen Lampen geblendet und mit Lärm terrorisiert hatten. Am Donnerstag einigten sich Starnes und seine Angestellten schliesslich auf einen Kompromiss, woraufhin der Amerikaner die Fabrik verlassen durfte, wie ein Firmenvertreter mitteilte.

Starnes hatte schliesslich der Entlassung der Arbeiter mit entsprechenden Abfindungen zugestimmt, obwohl er die Forderungen als «unfair» bezeichnete. Allerdings kündigte er an, er wolle die meisten der Arbeiter kommende Woche gleich wieder einstellen.

Billiglohnland wird zu teuer

Auslöser der Geiselnahme war ein Konflikt, der in den kommenden Jahren zahlreichen internationalen Firmen in China bevorstehen könnte. Weil die Produktionskosten in der Volksrepublik rapide steigen, suchen viele Konzerne inzwischen günstigere Standorte. Im Fall von Speciality Medical Supplies handelte es sich um medizinische Produkte wie Spritzen, deren Herstellung teilweise nach Indien verlagert werden sollte.

Starnes war vergangene Woche nach Peking gereist, um 30 der 130 Fabrikarbeiter zu entlassen. Die Entlassenen hatten bereits seit zwei Monaten kein Gehalt bekommen. Starnes sprach gegenüber Medien von einem firmeninternen Fehler. Die verbleibenden 100 Beschäftigten verloren aber das Vertrauen in ihren Arbeitgeber. Da sie aber auch nicht daran glaubten, dass Chinas Justiz ihnen zu ihrem Recht verhelfen würde, griffen sie zur Selbstjustiz.

Manager beklagen Nationalismus

Fälle wie der in Peking sind in China keine Seltenheit und gelten als Zeichen für das geringe Vertrauen der Bevölkerung in das Rechtssystem des eigenen Staates. Die Behörden halten sich meist aus den Auseinandersetzungen heraus, solange es nicht zu Massenunruhen kommt.

War das Phänomen bisher vor allem bei chinesischen Firmen verbreitet, kommt es neuerdings auch zunehmend bei ausländischen Firmen zu Konflikten. Hinter vorgehaltener Hand klagen nun internationale Manager über einen wachsenden «Wirtschaftsnationalismus» in China.