Urteil gegen Lagarde schwächt die Europäer

Der französische Gerichtshof der Republik ist ein seltsames Gremium: Es befindet einzig und nur alle paar Jahre wieder über Spitzenpolitiker. Sein Verdikt in Sachen Christine Lagarde ist nicht minder sonderbar:

Stefan Brändle
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Stefan Brändle , Der Standard (Bild: Stefan Brändle)

Stefan Brändle , Der Standard (Bild: Stefan Brändle)

Der französische Gerichtshof der Republik ist ein seltsames Gremium: Es befindet einzig und nur alle paar Jahre wieder über Spitzenpolitiker. Sein Verdikt in Sachen Christine Lagarde ist nicht minder sonderbar: Es spricht die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) wegen Fahrlässigkeit schuldig, verzichtet aber auf eine Strafe. Und das mit einem noch erstaunlicheren Argument: Auf dem Spiel stehe letztlich auch Lagardes «guter internationaler Ruf». Eine solche Sichtweise ist vor allem bedauerlich für die Reputation der französischen Justiz. Sie stellt mit der Verurteilung zwar ihre Unabhängigkeit unter Beweis. Dafür vertritt sie französische Interessen – und das ist juristisch doch eher fragwürdig.

Ein paar tausend Kilometer weiter am Sitz des Internationalen Währungsfonds in Washington dürften sich die Direktoren auch zuerst am Kopf kratzen. Jahrelang wartete die Finanzorganisation ungeduldig auf das Urteil aus Paris, nachdem schon ein anderer Franzose, Dominique Strauss-Kahn, mit seiner Sexaffäre 2011 gestrauchelt war. Jetzt ist der Fall noch kniffliger, noch brisanter. Denn mit Lagarde steht eine weitere Europäerin in der Debatte – und damit am Pranger der Schwellenländer, die seit langem mehr Mitsprache bei Weltbank und Währungsfonds verlangen. Auch wenn die 60-jährige Französin fachlich unbestritten ist, ist ihre, und damit die europäische, Position geschwächt. Wie Lagarde mit diesem Handicap noch vier Jahre eine der mächtigsten Organisationen des Planeten leiten will, müsste sich erst weisen. Aber wie auch immer: Der Einfluss der Europäer am IWF-Sitz wird durch die Lagarde-Affäre weiter schwinden.