«Unsere verfolgten Brüder»

Bei einem Schiffsunglück im Mittelmeer sind in der Nacht auf Sonntag rund 700 Flüchtlinge ertrunken. Sollte sich die Zahl bestätigen, handelt es sich um die bisher grösste Flüchtlingskatastrophe.

Dominik Straub/Rom
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Ankunft in Italien: Die Küstenwache rettet rund 1500 Flüchtlinge täglich. (Bild: ap/Carmelo Imbesi)

Ankunft in Italien: Die Küstenwache rettet rund 1500 Flüchtlinge täglich. (Bild: ap/Carmelo Imbesi)

Das Unglück ereignete sich laut italienischen Presseberichten um Mitternacht rund 70 Kilometer nördlich der libyschen Küste. Ein komplett überfüllter Fischkutter mit wahrscheinlich über 700 Flüchtlingen an Bord war auf dem Weg Richtung Lampedusa in Seenot geraten und gekentert. Bis Sonntagabend konnten im Rahmen einer gross angelegten Rettungsaktion, an der sich über ein Dutzend Schiffe beteiligten, etwa 50 Menschen lebend geborgen werden. Hunderte Flüchtlinge wurden noch vermisst. «Im Moment müssen wir von der grössten Flüchtlingskatastrophe ausgehen, die sich im Mittelmeer je ereignet hat», erklärte die Sprecherin des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Carlotta Sami, am Sonntagnachmittag.

Helfer von zahlreichen zum Unglücksort gefahrenen Schiffen suchten verzweifelt nach Überlebenden. «Sie suchen buchstäblich unter den im Wasser treibenden Leichen nach Überlebenden», sagte der Regierungschef von Malta, Joseph Muscat. Die Tragödie sei ein weiterer Beweis, dass Italien und Malta mehr Unterstützung von den europäischen Partnern benötigten. Zwar gebe es «ermutigende Signale», es müsse aber gehandelt werden, forderte Muscat.

Papst ruft zum Handeln auf

Das Flüchtlingsboot hatte am Samstag einen Notruf an die italienische Küstenwache abgesetzt, worauf diese ein in der Nähe befindliches portugiesisches Containerschiff avisierte. Als sich der Frachter dem überfüllten Fischkutter näherte, bewegten sich die Flüchtlinge vermutlich zu einer Seite des Schiffes, um die Retter auf sich aufmerksam zu machen. Darauf kenterte das etwa 30 Meter lange Boot. Über die Herkunft der Menschen an Bord war zunächst nichts bekannt; laut italienischen Berichten ist es von Libyen aus in See gestochen. Erst vor einer Woche waren bei einem ähnlichen Unglück vermutlich 400 Flüchtlinge ertrunken. Seit Anfang Jahr beträgt die Zahl der im Mittelmeer umgekommenen Migranten laut UNHCR-Angaben inzwischen über 1500. Im vergangenen Jahr wurden offiziell rund 3500 Tote gezählt; die tatsächliche Zahl dürfte darüber liegen.

Die neue Katastrophe hat innerhalb und ausserhalb Italiens Entsetzen ausgelöst. Papst Franziskus hat die internationale Gemeinschaft in Rom vor Zehntausenden Gläubigen zu «entschiedenem Handeln» aufgefordert, um ähnliche Tragödien in Zukunft zu verhindern. «Die Flüchtlinge sind Menschen wie wir, sie sind unsere hungernden und verfolgten Brüder», betonte der Papst.

Reagiert hat auch die EU-Kommission, die sich in einem Communiqué «zutiefst frustriert über die jüngste Entwicklung im Mittelmeer» zeigte. «Das Vorgefallene ist inakzeptabel», sagte die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini. Es sei an der Zeit, dass die EU diese Tragödien ohne weiteres Zögern angehe. «Alle 28 Mitgliedstaaten müssen nun Verantwortung übernehmen; das Flüchtlingsproblem ist schon viel zu lange den südlichen Mitgliedern überlassen worden», sagte die Italienerin Mogherini.

Italien ist überfordert

Italiens Regierungschef Matteo Renzi bestellte derweil am Sonntagnachmittag mehrere Kabinettsmitglieder zu einer Krisensitzung. Italien ist vom Ansturm der Flüchtlinge überfordert: Letzte Woche hatte die Küstenwache durchschnittlich 1500 Menschen pro Tag aus dem Meer gerettet und nach Sizilien oder auf das Festland gebracht. Die Aufnahmezentren sind zum Bersten voll; inzwischen müssen die Migranten in Turnhallen und Kirchen untergebracht werden. Im Norden des Landes weigern sich einige von der fremdenfeindlichen Lega Nord regierte Kommunen, weitere Flüchtlinge aufzunehmen. Lega-Parteichef Matteo Salvini griff gestern Regierungschef Renzi und Innenminister Alfano frontal an und forderte eine Seeblockade vor der Küste Libyens.

Programm «völlig unzureichend»

Italien hatte Ende 2013 nach einer Flüchtlingstragödie vor Lampedusa mit 366 Toten das Seerettungsprogramm «Mare Nostrum» gestartet. Im Rahmen dieser Aktion wurden 2014 etwa 150 000 Flüchtlinge gerettet. Mare Nostrum ist inzwischen beendet und durch das «Triton»-Programm der europäischen Grenzschutzagentur Frontex ersetzt worden. Die Triton-Schiffe operieren indessen bloss innerhalb eines Gebiets von 30 Seemeilen vor der italienischen Küste, während die Mare-Nostrum-Schiffe bis auf wenige Kilometer an die libyschen Hoheitsgewässer heranfuhren. Von Hilfs- und Flüchtlingsorganisationen wird Triton als völlig unzureichend bezeichnet; sie fordern eine Neuauflage von Mare Nostrum unter der Führung der EU. Unter dem Eindruck der neuen Katastrophe verlangte gestern auch Frankreichs Präsident François Hollande einen Ausbau von Triton.