«Unser Nato-Beitritt ist von europäischem Interesse»

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Predrag Boskovic, welchen Beitrag kann Ihr Land in der Nato leisten?

Montenegro ist vielleicht militärisch nicht so wichtig, aber wir sind nicht das einzige kleine Land in der Nato, denken Sie an Island oder Luxemburg. Was wir in das Bündnis einbringen können, ist ein weiteres Puzzle für die Sicherheit in der Mittelmeerregion. Für uns am wichtigsten ist die Stabilisierung des Friedens in der Balkanregion selbst. Das ist auch im Interesse ganz Europas.

Ihr Land ist über den Beitritt gespalten. Warum hat Ihre Regierung ein Referendum darüber abgelehnt, fürchteten Sie um die Mehrheit?

Überhaupt nicht. Das Parlament war in dieser Frage ausreichend legitimiert. Dass die Opposition die Abstimmung boykottierte, ist ihre Sache.

Gefährdet die Uneinigkeit in dieser Frage nicht die innere Stabilität Ihres Landes?

Das glaube ich nicht. Nach der Ratifizierung hat sich die Rhetorik der Opposition deutlich entspannt.

Die Opposition kritisiert auch die Kosten für die Modernisierung der Armee. Wie teuer kommt Ihr Land die Nato-Mitgliedschaft?

Sie kommt uns in jedem Fall billiger, als wenn wir allein eine komplette Armee aufbauen und finanzieren müssten. Wir können viel vom Know-how der Nato profitieren. Wir sind ein kleines Land und müssen vor allem an unsere Sicherheit in dieser Region denken. Dieser Aufgabe können wir in einem grossen Bündnis besser nachkommen als allein.

Montenegros grosser Bruder Serbien ist gegen die Nato. Wünschen Sie, dass auch Serbien eines Tages der Nato beitritt?

Ja, natürlich. Nach Auffassung unserer Regierung sollten alle Balkanländer der Nato beitreten.

Von jetzt an verläuft zwischen Ihren beiden Ländern eine Grenze, an der die geopolitischen Interessen des Westens mit jenen Russlands aufeinanderstossen. Könnte dies die Nachbarschaftsbeziehungen belasten?

Ich sehe das nicht. Auch Serbien ist interessiert an stabilen Beziehungen. Wir kooperieren auf allen Ebenen und sind in vielen überregionalen Organisationen miteinander verbunden.

Wie sind die Beziehungen zu Ihren künftigen Nato-Nachbarn Albanien und Kroatien? Gibt es noch Feindseligkeiten aus dem Jugoslawien-Krieg?

Wir haben in den letzten 20 Jahren zu allen Nachbarn ein gutes Verhältnis aufgebaut. Zu Albanien kann dieses naturgemäss nicht so eng sein, weil es nicht Teil Jugoslawiens war. Wir haben derzeit einen Disput über den Grenzverlauf zwischen Montenegro und dem Kosovo, aber auch dafür werden wir eine friedliche Lösung finden.

Auch Russland hat stark gegen den Nato-Beitritt Montenegros polemisiert. Was erwarten Sie, wie Moskau weiterhin reagieren wird?

Wir haben traditionell gute Beziehungen zu Russland. Wir können deshalb die Rhetorik und das Verhalten der letzten Zeit nicht verstehen und hoffen, dass sich das wieder legt. Unsere Nato-Mitgliedschaft richtet sich nicht gegen Russland, unsere Absicht ist es, mit anderen Staaten Europas die gleichen Werte zu teilen.

Montenegro ist ein beliebtes Ziel russischer Touristen. Wäre es für sie nicht eigenartig, künftig in einem Nato-Land Ferien zu verbringen?

Russen machen Urlaub auch in anderen Nato-Ländern wie der Türkei, Italien oder Spanien. Und hier in Montenegro sind sie noch viel willkommener.

Interview: Rudolf Gruber, Podgorica

Zur Person

Predrag Boskovic ist seit November 2016 Verteidigungsminister von Montenegro.