Unruhe vor dem Sturm

150 Jahre Italien Der 17. März ist der offizielle Festtag der Einigung Italiens. Wie aber feiert das Volk? Wie prägt das Jubiläum den Alltag? Auf der Suche nach Vorboten des Festes in der italienischen Provinz - zwischen Fasnacht und den letzten Vorbereitungen für die Badesaison. Beda Hanimann/Sestri Levante

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Noch herrscht Ruhe an der idyllischen Baia del Silenzio. (Bild: Tonia Bergamin)

Noch herrscht Ruhe an der idyllischen Baia del Silenzio. (Bild: Tonia Bergamin)

Von der Etikette der kühlen Flasche «Moretti» grüsst ein freundlicher Herr mit Hut, Schnauz und Bierhumpen. Kein Aufkleber «Bier der Einheit», kein Hinweis auf einen Jubiläumswettbewerb auf der Rückenetikette, keine Rubbelaktion zum Geburtstag der Nation. Es ist die letzte Stunde vor Sonnenuntergang, ein Sonntag im März 2011. Das grosse «Moretti» am Strandkiosk von Lisa Dani schmeckt, die Sonne knapp über dem Meeresspiegel wärmt – und die Langläufer auf dem Hochmoor von Rothenthurm, acht Stunden zuvor vor dem Zugfenster, sind wie ein Spuk aus einem anderen Leben.

Der kleine Klimaschock, er gehört zum Erlebnis Italien. Es ist wundervoll, es ist wie immer. Ausser diesem: Das Land schickt sich gerade an, seinen 150. Geburtstag zu feiern.

Den Puls fühlen

Die Absicht der Expedition: dem Land den Puls zu fühlen. Fern der Metropolen und der zum Feiern verpflichteten Funktionäre nach Vorboten dieses Jubiläums, dieses Festes zu suchen.

Würde man auf Slogans stossen wie «150 Jahre sind genug!»? Auf Schaufenster, die lauthals die Botschaft der Einheit in rot-weiss-grünem Dekor verkünden?

Es hätte auch Biella sein können oder Belluno oder Bari. Ein möglichst beliebiger Ort einfach, wie mit verbundenen Augen auf der Landkarte angetippt. Die Wahl fiel auf Sestri Levante, eine Stadt an der ligurischen Küste zwischen Genua und La Spezia mit 20 000 Einwohnern und zwei unterschiedlichen Stränden, der fast

schon mondänen Baia delle Favole und der idyllischen Baia del Silenzio, gebildet von einer bewaldeten Halbinsel und einem schmalen Landstreifen, auf dem gerade eine Häuserzeile und zwei Strassen Platz haben.

Kulinarische Verbrüderung

Das Fest ist in vollem Gang, an diesem Sonntagnachmittag. Nicht jenes der Einheit allerdings, sondern ein viel älteres und traditionsreicheres.

Es ist Fasnacht, eben löst sich die Menge aus verkleideten Kindern und stolzen Eltern allmählich auf, zurück bleiben Konfetti, Papierschlangen und dieses Gummizeug aus Spraydosen, gar nicht so anders als am Gossauer Fasnachtsumzug. Im Corso Colombo allerdings geht das Karnevalstreiben nahtlos über in einen Spezialitätenmarkt mit Käse, Fleisch, Öl, Wein, Honig und getrockneten Pilzen. Bauernerzeugnisse aus der Region und aus fernen Alpentälern. Eine hübsche Vorstellung: Italien zelebriert die überregionale Verbrüderung kulinarisch.

Zuerst der Tag der Frau

Zu behaupten, den Einheimischen brenne das Jubiläum der Einheit auf den Lippen, wäre dennoch übertrieben. Dem Hotelier im «San Pietro» ist keine Festfreude anzumerken. Er grüsst freundlich, überwacht von seiner Réception-Festung aus das spärliche Treiben beim Frühstück, attestiert dem Gast, er habe mit dem Wetter Glück gehabt, schliesslich sei ja noch Winter.

Im Coiffeursalon von Giuseppe Vadalà in der Via Garibaldi wird im Radio zum Tag der Frau die Geschlechterfrage erörtert. Die Frauen seien wie Männer geworden, die Männer wie Frauen, lautet ein Befund. Der Schluss daraus? Keiner. Es ist Zeit für den nächsten Song. Der Barbiere, ein schmächtiger Bursche mit einem Haarschopf wie der junge Bob Dylan, erkundigt sich derweil nach der Herkunft des Gastes – und gibt mit seiner Biographie die Inkarnation des typischen Italieners.

Mit Verwandten, die in der Schweiz gearbeitet haben, in Thun, in Visp. Er selber ist vor zwanzig Jahren aus Kalabrien nach Sestri Levante gekommen, auch das ist ein Stück Italien-Realität: Migration ist auch ein inneritalienisches Phänomen.

Geschichte auf der Strasse

Auch der Kellner im «Santi's», der mit grauem Bart und Nickelbrille eher wie ein Professor aussieht, überdeckt den fremden Gast nicht mit Hinweisen auf anstehende Festivitäten.

Stattdessen legt er ihm statt des Nachtisches einen Bildband mit alten Ansichten von Sestri Levante auf den Tisch. Fischerszenen immer wieder, die noch spärlich überbaute Baia delle Favole, die Società Filarmonica di Sestri Levante, der Besuch des amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt.

Nein, es ist nicht so, dass die Geschichte in Sestri Levante ausgeklammert wäre. Vielmehr liegt sie auf der Strasse, das ist alltäglich, wie überall in Italien.

Auch Sestri Levante hat seine Piazza Mazzini, seine Via Vittorio Veneto, seine Via XXV Aprile, es geht hier sogar bis weit in die Neuzeit hinein, bis zur Piazza Aldo Moro. Die ist ein baumbestandener Parkplatz, am Samstag findet hier der Wochenmarkt statt.

Auf das grosse Fest aber deutet nur wenig hin. Das Restaurant Il Gourmet, weit draussen am Lungomare Descalzo, lädt am 17. März zur Festa dell'Unità d'Italia.

Es gibt geräucherten Thunfisch mit Basilikum aus Genua und Zwiebeln aus Kalabrien, Taglierini mit Schwertfisch und Kapern aus Sizilien. Das Dessert ist ein Semifreddo in den Farben der Trikolore. Und der Wein kommt aus Südtirol. Es bestätigt sich: Am schönsten feiert sich die Einheit kulinarisch. Entsprechend sieht der Schuhladen an der Ecke Corso Colombo und Via Asilo Maria Teresa keine Veranlassung, die Thematik aufzunehmen.

Er hat zwar seine edlen Stücke in Dreiergrüppchen angeordnet, doch die Modefarben des Frühlings 2011 sind nicht Rot, Weiss und Grün.

Achtung, Fest!

Dann aber, der Countdown der letzten Woche vor dem 17. März hat begonnen, fällt unter den Veranstaltungsplakaten im Corso Colombo neben den Hinweisen auf Fasnachtsumzüge und Maskentreiben doch auch ein Plakat des «Comitato per i 150 anni Unità d'Italia» auf. Nach Volksfest klingt das allerdings nicht.

Das Istituto Comprensivo übergibt seinen Studenten die Diplome, die Accademia del Saxofono richtet eine Hommage an die Trikolore aus, und im Palazzo Fascie ist ein Abend Liedern gewidmet, die Italien besingen. Am Rathaus ist eine Flagge gehisst, die auf das Jubiläum aufmerksam macht. Es wirkt ähnlich hilf- und wirkungslos wie hierzulande jeweils die Plakate «Heute Abstimmung». Bürgerinteressen lassen sich da wie dort nicht behördlich verordnen.

Vor der Saisoneröffnung

Nein, der Anflug von Geschäftigkeit und Hektik, der sich ein bisschen wie Unruhe vor dem Sturm anfühlt, hat nicht mit dem Geburtstag des Staates zu tun. In Strandbistros, Restaurant-Wintergärten und ähnlichen Einrichtungen wird allenthalben gewerkelt. Im Pavillon des «Portobello», mitten im Sand und nahe am Wasser der wundervollen Baia del Silenzio, sind die Tische noch mit Zeitungspapier bedeckt, unter lautem Getöse werden die Kunststoffblachen abgespritzt. Noch sind viele Hotels und Restaurants geschlossen.

Wenn die Touristen kommen, in einigen Tagen oder im April, dann erst steigt in Sestri Levante das Fest.

Noch bleibt einiges zu tun: Pavillon des Restaurants Portobello an der Baia del Silenzio, Sestri Levante, am 11. März. (Bilder: Tonia Bergamin)

Noch bleibt einiges zu tun: Pavillon des Restaurants Portobello an der Baia del Silenzio, Sestri Levante, am 11. März. (Bilder: Tonia Bergamin)

Das «Il Gourmet» lockt mit einem Jubiläumsmenu, eine Flagge am Municipio erinnert an das historische Ereignis – und die Schuhmode propagiert ihre eigene Trikolore.

Das «Il Gourmet» lockt mit einem Jubiläumsmenu, eine Flagge am Municipio erinnert an das historische Ereignis – und die Schuhmode propagiert ihre eigene Trikolore.