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Universität in Tokio sortiert Frauen aus

Jahrelang manipulierte die medizinische Hochschule Tokio Testergebnisse, um weibliche Kandidatinnen abzuweisen. Nur schon ihr Geschlecht bescherte ihnen 20 Punkte Abzug.
Angela Köhler, Tokio
Universitäts-Repräsentanten Tetsuo Yukioka (vorne) und Keisuke Tomizawa verbeugen sich anlässlich der Pressekonferenz zu den Prüfungs-Manipulationen.Bild: Eugene Hoshiko/AP (Tokio, 7. August 2018)

Universitäts-Repräsentanten Tetsuo Yukioka (vorne) und Keisuke Tomizawa verbeugen sich anlässlich der Pressekonferenz zu den Prüfungs-Manipulationen.
Bild: Eugene Hoshiko/AP (Tokio, 7. August 2018)

Tiefe Verbeugung, steinerne Betroffenheit in den Gesichtern – das übliche Ritual in Japan, wenn etwas besonders schief gelaufen ist. Was Rektor Tetsuo Yukioka aber nun zu rechtfertigen hat, ­erschüttert nicht nur die nationale Welt der Wissenschaft – es ist ein Skandal, wie er in einem ­modernen Industriestaat eigentlich nicht vorkommen sollte. Die Medizinische Universität Tokio muss sich für manipulierte Ergebnisse zahlloser Aufnahmekandidatinnen entschuldigen.

Eine interne Untersuchung hat den langgehegten Verdacht bestätigt, dass diese elitäre Bildungseinrichtung seit mindestens 2006 systematisch versucht hat, durch gefälschte Testergebnisse den Anteil von Studentinnen so gering wie möglich zu ­halten. Die Prüfungsergebnisse weiblicher Bewerberinnen wurden heimlich abgewertet, um den Männeranteil bei 70 bis 80 Prozent zu halten. Für die Manipulation wurde modernste Technik verwendet. Die Computer waren so programmiert, dass sie bei weiblichen Studienanwärterinnen automatisch 20 Punkte abzogen, während männliche Aspiranten ebenso automatisch 20 Bewertungspunkte hinzu bekamen. Die nun öffentlich gewordene ­Begründung für diese seltsamen Auswahlprinzipien ist ebenso ­bizarr. Die Universitätsführung wollte so wenig wie möglich Frauen ausbilden, weil zu befürchten sei, dass diese nach ihrer aufwendigen Ausbildung ohnehin nicht im Beruf arbeiten würden oder ihre Karriere sofort beenden, wenn sie Familien gründen. Nur mit ausreichend männlichen Studenten könne ein akuter Ärztemangel verhindert werden.

Frauen seien «zu schwach» für den Beruf

Ausserdem – so behauptete der amtierende Direktor Tetsuo ­Yukioka – würden viele Japaner glauben, dass Frauen keine ­Chirurginnen werden sollten, weil sie «zu schwach» für diesen anstrengenden Beruf seien. Dabei werden gerade Ärzte in Japan händeringend gesucht. Wegen der rapide alternden Gesellschaft herrscht in fast allen Gesundheitseinrichtungen akuter Personalmangel.

Diese Art von «Genderauswahl» kommt im Wirtschaftsleben der drittgrössten Ökonomie beinahe alltäglich vor. Obwohl fast die Hälfte aller Japanerinnen mindestens über einen Hochschulabschluss verfügen, erhalten weibliche Absolventinnen fast automatisch eine schlechter bezahlte Anstellung. Dennoch zeigt eine Statistik des Arbeitsministeriums, dass derzeit 70,8 Prozent aller japanischen Mütter ­irgendeiner Arbeit nachgehen, ­jedoch nicht immer regelmässig und ihrer tatsächlichen Qualifikation entsprechend.

Fast jede Vierte arbeitet in Teilzeit zu reduzierten Stundenlöhnen. Nur ein Viertel steht in einem festen Angestelltenverhältnis, 30 Prozent der Frauen werden ausserhalb ihres erlernten Berufes beschäftigt. Lange Arbeitszeiten und ein fehlendes Bewusstsein für Gleichberechtigung bei ihren Partnern zwingen viele Frauen schon wenige Jahre nach ihrem Abschluss dazu, ihre eigentliche Karriere für die häusliche Familie und die Kindererziehung aufzugeben.

Regierung fordert alle Prüfungsdaten ein

Bisher war eine so grobe Diskriminierung aber noch nie aus einer wissenschaftlichen Einrichtung bekannt geworden. Angesichts des jüngsten Skandals hat die Regierung nun aber Verdacht geschöpft und hat daher alle ­medizinischen Einrichtungen aufgefordert, die Daten ihrer Eintrittsexamen offenzulegen. Bildungsminister Yoshimasa Haya­shi kündigte an, dass die Methode der Aufnahmeexamen an den medizinischen Fakultäten «dringend überprüft» werde.

Die Ministerin für Gleichberechtigung Seiko Noda bezeichnete es als «extrem bedauerlich», dass grosse Teile der Gesellschaft Frauen in medizinischen Berufen als «unangemessen» ablehnen. Es ergäbe überhaupt keinen Sinn, Mädchen und junge Frauen am Studium zu hindern. Bei den ­Manipulationen handle es sich um «schlimmsten Sexismus», sagt Anwalt Kenji Nakai, der die Untersuchungsergebnisse der Öffentlichkeit präsentierte. So soll es auch ausdrücklich in dem internen Bericht der Universität stehen.

Ermittlungen gegen Beamten und Uni-Direktor

Dabei ist ausgerechnet ein junger Mann quasi «schuldig», dass dieser Skandal überhaupt aufgeflogen ist. Obwohl nur sehr mässig begabt, schon dreimal beim Examen durchgefallen und mit kaum einer Chance, die extrem schwierige Immatrikulation zu schaffen, wurde der Bewerber aufgenommen. Seine Referenz: Er ist der Sohn eines hohen Beamten des Bildungsministeriums. Die Gegenleistung für diesen «Gefallen»: Der Beamte versprach dem damaligen Rektor eine bevorzugte Behandlung seiner Universität bei der Vergabe von Fördergeldern aus einem Projekt des Ministeriums. Wie immer, wenn in ­Japan erst einmal das Kind in den Brunnen gefallen ist, herrscht auch in diesem Fall wieder hektische Aktivität und eine grosse Portion Hilflosigkeit.

Gegen den Beamten und den Ex-Direktor der Uni wird wegen Korruption ermittelt, obwohl fraglich ist, ob die Bestechung nicht schon verjährt ist. Und die aktuelle Führung der Hochschule teilte mit, die Manipulationen hätten selbstverständlich niemals stattfinden dürfen und würden nun in Zukunft auch nicht mehr stattfinden.

Mehr noch: Man überlege ernsthaft, die fälschlicherweise abgelehnten Bewerberinnen, die eigentlich die Aufnahmeprüfung bestanden hätten, nachträglich zu immatrikulieren. Wie das gehen soll, wurde nicht mitgeteilt: Die meisten der betroffenen Frauen studieren inzwischen etwas anderes oder haben ihre Karriereambitionen aufgegeben, geheiratet und Kinder bekommen.

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