Unfähig zum Ausstieg

Präsident François Hollande hat die Schliessung des ältesten französischen Atomkraftwerks in Fessenheim versprochen. Doch nun läuft die Amtszeit des Präsidenten ungenutzt ab.

Stefan Brändle/Paris
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Blick auf das Kernkraftwerk Fessenheim, aufgenommen am Mittwoch, 28. April 2010. Bild: Winfried Rothermel/AP (Bild: WINFRIED ROTHERMEL (AP dapd))

Blick auf das Kernkraftwerk Fessenheim, aufgenommen am Mittwoch, 28. April 2010. Bild: Winfried Rothermel/AP (Bild: WINFRIED ROTHERMEL (AP dapd))

Es wäre ein beschaulicher Flecken in der Oberrheinischen Tiefebene, für Velofahrer ein Paradies mit wogenden Feldern und schmucken Dörfern voller «Weinstuben» und bunten Hausfassaden, wie es hier im Elsass Brauch ist. Und doch taucht Fessenheim in den wenigsten Fremdenführern auf. Der Grund ist das lokale AKW.

Fukushima-Szenario als Worst Case

Doch Frankreich kann sich partout nicht zwischen Atomkraft und erneuerbaren Energien entscheiden. Dies bringt allerdings auch ein Problem mit sich. «Die Meiler liegen neun Meter unterhalb des Kanals», sagt der bekannteste Fessenheim-Gegner, der Atomphysiker Jean-Marie Brom, durch seinen weissen Vollbart. «Wenn die Deiche brechen, könnte es zu einer ähnlichen Überschwemmung wie in Fukushima kommen.»

Damit ist ein weiteres Problem angesprochen: Fessenheim liegt in einer Erdbebenzone, die sich durch den Rheingraben zieht. Nicht gerade der beste Standort für ein AKW. 1977, als der Doppelreaktor von Fessenheim eröffnet wurde – als erster des 58köpfigen AKW-Parks in Frankreich – sah man geflissentlich darüber hinweg. Im Dorf tut man das noch heute. «Das AKW wurde nachgerüstet, es würde sogar ein Erdbeben von 6,5 auf der Richter-Skala aushalten, wie es 1356 die Stadt Basel in Trümmer legte», erklärt der Bürgermeister von Fessenheim, Claude Brender, von der Sicherheit des Werks überzeugt. Dennoch: Die Regierungen Deutschlands und der Schweiz fordern seit Jahren und mit Nachdruck die Stilllegung von Fessenheim. Die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks erinnert daran, dass der Südwestwind die radioaktiven Wolken nach einem Unglück direkt nach Stuttgart tragen würde, wo Hunderttausende von Menschen leben. Eine von Hunderttausenden unterzeichnete Petition rechnet vor, dass bei einem «Fukushima-Szenario» eine Million Menschen unter anderem aus Mulhouse, Colmar, Freiburg im Breisgau oder Basel evakuiert werden müssten.

Es allen recht machen funktioniert nicht

2012 hatte der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande deshalb dem Drängen seiner grünen Koalitionspartner nachgegeben und in Punkt 41 seiner Wahlversprechen schwarz auf weiss festgehalten: «Ich werde das AKW Fessenheim abschalten.» Einmal im Elysée, nannte er als Schliessungstermin des dienstältesten und umstrittenen Meilers «Ende 2016».

Ein «Energiewende-Gesetz» sollte 2015 den Anfang machen. Es benennt Wind- und Sonnenenergie als Quellen. Aber auch die Atomkraft. Deren Leistung soll plafoniert werden – allerdings auf 62,3 Gigawatt im Jahr, gleich viel wie heute. «Damit könnten alle 58 Atomreaktoren am Netz bleiben», erboste sich Greenpeace.

Schweiz bezieht Strom aus Fessenheim

Frankreich verstrickt sich nicht als einziges Land in Widersprüche. So beziehen Schweizer Haushalte und Unternehmen seit der AKW-Inbetriebnahme 1977 Strom aus Fessenheim. Ein Konsortium aus den drei Energieunternehmen Alpiq, Axpo und BKW hat mit der Betreiberin EDF ein Strombezugsrecht vereinbart. Es umfasst 15 Prozent der Leistung Fessenheims, also etwa 1800 Gigawattstunden im Jahr. Das ist etwas mehr, als der Kanton Basel-Stadt an Strom konsumiert.