Und der Krieg tobt immer weiter

Afghanistan wurde nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zum Kriegsschauplatz des Westens: Vom Krieg gegen den Terror zu einem Feldzug gegen Aufständische. Das Land ist weit entfernt von einer Befriedung.

Willi Germund
Drucken
Teilen
US-Soldat im Feuergefecht mit angreifenden Talibanmilizen. (Bild: ap/Rafiq Maqbool)

US-Soldat im Feuergefecht mit angreifenden Talibanmilizen. (Bild: ap/Rafiq Maqbool)

kabul. Der Mann hatte fünf Jahre lang in den Reihen der islamistischen Talibanmilizen um die Vorherrschaft in Afghanistan gekämpft. Ende November 2001 kam dann am Rande eines kleinen Dorfs rund 80 Kilometer südlich von Kabul der Abschied. «Wir sehen uns bald wieder», gab ihm der Mullah mit auf den Weg, der jahrelang die Einheit des Mannes kommandiert hatte. Dann ging der Mullah nach Kandahar im Süden des Landes. Sein Kämpfer kehrte ins Heimatdorf zurück.

In Kabul wurde zu der Zeit gefeiert. Mitte November zogen sich die Talibanmilizen aus der Hauptstadt zurück in Richtung Süden, nachdem als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September eine US-geführte Koalition Anfang Oktober auf Seiten der Anti-Taliban-Front interveniert hatte. Westliche Politiker glaubten nicht nur an das Ende des Konflikts mit den Talibanmilizen. Auch der Krieg gegen den Terror, so meinten sie, sei so gut wie gewonnen.

Fragwürdige Erfolgsmeldungen

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen. Nun ist zwar der Al-Qaida-Chef Osama bin Laden getötet, und die meisten seiner Mitstreiter sind in Guantánamo inhaftiert oder ebenfalls getötet worden. Die Führung des Terrornetzwerks Al Qaida, so glauben Experten, ist auf einen kleinen verlorenen Haufen von zwei Dutzend Leuten geschrumpft. Doch der Krieg in Afghanistan tobt weiter.

Um Fortschritte zu «verkaufen», liefern Nato-Militärs und westliche Politiker immer neue Erklärungen zum Verlauf des Krieges. Die neueste: Die Talibanmilizen seien so sehr geschwächt, dass sie gegen die rund 130 000 ausländischen Soldaten und ihre über 200 000 afghanischen Kollegen nicht mehr offen antreten könnten. Deshalb verlegten sich die Milizen mehr und mehr auf spektakuläre Einzelattacken. Gemeint ist im Klartext: Die Sicherheitslage im ganzen Land sei prekärer geworden, der Alltag für die Afghanen gefährlicher, weil die Taliban auf dem Rückzug sind.

Nun gegen einen Aufstand

Doch selbst die grössten Optimisten am Hindukusch geben frank und frei zu, dass der «Krieg gegen den Terror» in Afghanistan bereits seit Jahren vorüber ist – und statt dessen ein Feldzug gegen eine Aufstandsbewegung geführt wird. «Bis 2006 haben wir so getan, als handle es sich in Afghanistan um eine Friedensmission», sagt ein Kenner der Entwicklung, «dann haben wir plötzlich festgestellt: Die Taliban sind ja im ganzen Land vertreten, und sie haben Rückhalt in der Bevölkerung.»

In Deutschland zeigt schon die lange und zähe Diskussion um den Gebrauch des Wortes «Krieg», wie schwer es den Politikern und Militärs fiel, sich der Realität zu stellen. Niemand anderes als der inzwischen zum CIA-Chef aufgerückte US-Kommandant David Petraeus machte mit einer Abkürzung deutlich, worum es seit 2008 in Afghanistan tatsächlich geht. Er taufte seine neue Strategie «Coin», für «Counterinsurgency», also Kampf gegen den Aufstand.

Der Akzeptanz der ausländischen Truppen hat dieser Wechsel alles andere als gut getan. Die ersten Soldaten, die im Januar 2002 in Kabul einrückten, liessen den Stahlhelm noch im Gepäck und bemühten sich um intensiven und direkten Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. Es dauerte jedoch nicht lange, bis man auf Distanz ging. Die deutschen Bundeswehroffiziere im «Camp Warehouse» am Stadtrand von Kabul etwa lehnten alle frischen Nahrungsmittel ab. Sie assen nur Konserven – aus Furcht, die Afghanen wollten sie vergiften.

Schwierige Partnerschaft

Nach den ersten Anschlägen und Attacken auf ausländische Soldaten isolierten sich die Truppen zunehmend. Sie verbarrikadierten sich hinter hohen Sicherheitswällen und rückten nur noch schwer gesichert in gepanzerten Fahrzeugen aus. Absurde Züge zeigt der Konflikt beim «Partnering». Westliche Soldaten sollen afghanische Soldaten ausbilden. Aus Angst vor Anschlägen aber dürfen einheimische Militärs nicht in die Lager der Nato.

Selbst der «Krieg gegen den Terror» schürte den Zorn vieler Afghanen. Denn so mancher Nachbarschaftsstreit wurde nun entschieden, indem man kurzerhand jemand als Taliban- oder Al-Qaida-Anhänger denunzierte. So verschwanden viele Afghanen schuldlos in Gefängnissen – und es dauerte oft Jahre, bis sie wieder freigelassen wurden.

Aktuelle Nachrichten