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Waldbrände in Griechenland: «Eine unbeschreibliche Tragödie»

In Griechenland sind 70 Menschen im Flammeninferno gestorben, Hunderte Häuser werden eingeäschert. Ministerpräsident Alexis Tsipras ruft eine dreitägige Staatstrauer aus – und verspricht Aufklärung.
Gerd Höhler, Athen
Die verheerenden Waldbrände in Griechenland wüten vor allem im Umkreis von Athen weiter. (Angelos Tzortzinis/AFP, Rafina, 23. Juli 2018)

Die verheerenden Waldbrände in Griechenland wüten vor allem im Umkreis von Athen weiter. (Angelos Tzortzinis/AFP, Rafina, 23. Juli 2018)

Noch am Montagmorgen war Mati ein lebhafter Badeort 30 Kilometer östlich von Athen: Villen und Wochenendhäuser zwischen grünen Pinien, am Strand Hotels, Bars und Tavernen, ein malerischer kleiner Hafen für die Fischerboote und Segeljachten. Vor allem Athener verbringen in dieser Idylle gern die Wochenenden. In der Nacht auf gestern rast ein Feuersturm durch den Ort. Luftaufnahmen zeigten am Morgen das Ausmass der Zerstörung: schwarze Baumgerippe zwischen schwelenden Ruinen, die Strassen voller ausgeglühter Autowracks. «Mati existiert nicht mehr», sagte im Fernsehen eine Anwohnerin, die sich in letzter Minute retten konnte.

Das verheerende Feuer war am Montagnachmittag bei der Ortschaft Neos Voutsas am Osthang des Penteli-Bergmassivs ausgebrochen. Heftige Westwinde liessen die einzelnen Brandherde rasend schnell zu einer riesigen Feuerwalze anwachsen. «Zwei Stunden haben wir vergeblich auf die Feuerwehr gewartet, während die Feuerwand immer näher kam», berichtet Stefanos Varlamis. Dann ergriff der Familienvater mit seiner Frau und den zwei Kindern die Flucht vor den näher kommenden Flammen. «Unser Haus ist abgebrannt, aber wir haben wenigstens unser Leben gerettet», sagt der 43-Jährige erschüttert.

Zahl der Toten wird noch ansteigen

Mindestens 74 Menschen kamen nach offiziellen Angaben in der Flammenhölle ums Leben. Es ist zu befürchten, dass die Zahl der Toten weiter steigen wird, wenn alle ausbrannten Häuser durchsucht sein werden. Viele Menschen versuchten, in ihren Autos dem Inferno zu entkommen. Andere liefen zu Fuss um ihr Leben – und fanden den Tod. Bei Tagesanbruch entdeckten Feuerwehrleute gestern Morgen auf einem abgebrannten Feld 25 Leichen. Die Menschen, darunter Frauen und Kinder, hatten offenbar versucht, vor dem Feuer ans Meer zu fliehen. Nur 30 Meter vor dem rettenden Ufer wurden sie vom Rauch und von den Flammen überwältigt. Viele von ihnen hielten sich umarmt. «Es war ein erschütternder Anblick», berichtet ein Helfer unter Tränen.

Andere schafften es bis ans Meer. Ausflugsschiffe und Fischerboote brachten im Laufe der Nacht mehr als 700 Menschen von den Stränden in Sicherheit. Kriegsschiffe kreuzten vor der Küste, um Überlebende aufzunehmen. Rettungshubschrauber kreisten über dem Meer und suchten mit starken Scheinwerfern die Wasseroberfläche ab. Die Überlebenden wurden zur Hafenstadt Rafina gebracht, wo zahllose Menschen während Stunden verzweifelt Ausschau nach Verwandten und Freunden hielten.

Versäumnisse beim Katastrophenschutz

Über die Brandursache gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse. Aber Anwohner berichten, die Flammen seien an einem Dutzend Brandherden fast gleichzeitig aufgelodert. Das könnte auf Brandstiftung hindeuten. In Griechenland kommt es häufig vor, dass Grundstücksspekulanten versuchen, mit einer Lunte «wertloses» Waldland in lukrativen Baugrund zu verwandeln. Die Tragödie von Rafina zeigt zudem einmal mehr schwere Versäumnisse Griechenlands beim Katastrophenschutz. Im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern gibt es kein flächendeckendes Netz freiwilliger oder kommunaler Feuerwehren. Dieser Mangel zeigte sich schon während der verheerenden Waldbrände auf dem Peloponnes im Jahr 2007. Damals kamen 73 Menschen ums Leben.

Dennoch ist seither so gut wie nichts geschehen, um die Brandbekämpfung besser zu organisieren. Ein weiteres Problem ist die unzureichende technische Ausstattung der griechischen Feuerwehren. Wegen der Finanzkrise hat der Staat in den vergangenen Jahren viel zu wenig Geld in neue Löschfahrzeuge und in die Wartung vorhandener investiert. Auch die Flotte der Löschflugzeuge ist überaltert.

Ministerpräsident Alexis Tsipras kündigte zwar mehrfach die Beschaffung neuer Maschinen an, geworden ist daraus aber nichts. Gestern rief er eine dreitägige Staatstrauer aus und versprach, es bleibe keine Frage unbeantwortet.

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