Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

UNABHÄNGIGKEITSKAMPF: Warum Tee aus Indien teurer wird

Seit Jahrzehnten verlangen die Gorkhas in der indischen Region Darjeeling einen eigenen Bundesstaat. Jetzt droht der Konflikt zu eskalieren – mit globalen Folgen: Experten rechnen damit, dass Darjeeling-Tee schon nächstes Jahr zur Mangelware wird.
Ulrike Putz, Singapur
Demonstration in Neu-Delhi für die Gründung von «Gorkhaland». (Bild: Tsering Topgyal/Keystone (18. Juni 2017))

Demonstration in Neu-Delhi für die Gründung von «Gorkhaland». (Bild: Tsering Topgyal/Keystone (18. Juni 2017))

Ulrike Putz, Singapur

Seit nunmehr 75 Tagen werden die grünen Hügel rund um die indische Stadt Darjeeling von der Natur zurückerobert. Seit die Teearbeiter Mitte Juni die Arbeit niedergelegt haben, sind die nur 87 Plantagen, auf denen der weltberühmte Darjeeling-Tee angebaut wird, ein Paradies für Vögel und Unkraut: Zum ersten Mal seit 170 Jahren, als der schottische Abenteurer Robert Fortune seine aus China geschmuggelten Samen der Camellia sinensis auf den Südhängen des Himalaja ausbringen liess, schiessen die Teesträucher ins Kraut. Von den 100 000 Arbeitern, die sonst von März bis November deren Blattspitzen abzupfen, fehlt jede Spur.

Der lokale Streik der Tee­arbeiter hat Folgen, die bald in aller Welt zu spüren sein werden: Schon jetzt steht fest, dass ein grosser Teil der diesjährigen Ernte des «Champagner unter den Tees» verloren ist. Teebauern rechnen mit Einbussen von bis zu 50 Prozent, sagt Kaushik Basu, Generalsekretär des Darjeeling-Tee-Verbands der Zeitung «The Hindu». «Alle Gärten sind in den letzten Wochen verwildert. Selbst der Jahrgang 2019 wird noch von bis zu 25 Prozent Ernteverlusten betroffen sein.»

Darjeeling-Tee ist von Natur aus ein knappes Gut: Nur etwa 8000 Tonnen werden in 2000 Meter Höhe jährlich geerntet, die Hälfte davon vor allem nach Europa exportiert. Die sich abzeichnenden Ausfälle werden die ohnehin saftigen Preise für die Edelsorte weiter in die Höhe treiben, sagt Vikram Mittal, Gross- und Einzelhändler für indischen Tee in Neu-Delhi, unserer Zeitung. «Ich fürchte, wir müssen uns auf weniger Darjeeling in den Regalen, höhere Preise und einen Vertrauensverlust des Konsumenten gefasst machen.» Hintergrund der sich ankündigenden harten Zeiten für Teeliebhaber ist ein Streit, der seit über 100 Jahren schwärt: In und um Darjeeling lebt die Volksgruppe der Gorkhas. Ihre Sprache, ihre Kultur und ihr Glaube sind nepalesisch, doch frühe Bestrebungen nach Eigenständigkeit wurden von den britischen Kolonialherren ignoriert. Als Indien 1947 unabhängig wurde, wurde das Siedlungsgebiet der Gorkhas dem Bundesstaat Westbengalen zugeschlagen. Doch in dem 91-Millionen-Einwohner-Staat, dessen Charakter vom Moloch Kalkutta, vom Gangesdelta und der Nachbarschaft zu Bangladesch geprägt ist, hat sich das Bergvolk nie zu Hause und erst recht nicht angemessen repräsentiert gefühlt.

2000 Ethnien, 22 offizielle Landessprachen

Mit dem Gefühl, benachteiligt zu werden, sind die Gorkhas nicht allein: Indien ist ein Vielvölkerstaat, die 1,3 Milliarden starke Bevölkerung setzt sich aus etwa 2000 Ethnien zusammen, es gibt 22 ­offizielle Landessprachen.

Neu-Delhi bemüht sich, der Vielfalt Rechnung zu tragen und von den Briten hinterlassenes Unrecht auszuräumen: Mehrere Regionen kämpften in der Vergangenheit erfolgreich für Autonomie. Zuletzt wurde 2014 der Bundesstaat Andhra Pradesh geteilt und ein zusätzlicher Staat Telangana geschaffen. Ihren Kampf für einen eigenen Bundesstaat namens Gorkhaland haben die 1,5 Millionen Angehörigen der Minderheit im Teeanbaugebiet über die Jahrzehnte teils mit friedlichen Mitteln, teils mit Gewalt geführt. In den 80er-Jahren starben bei Unruhen 1200 Menschen. Seitdem kam es immer wieder zu Streiks, die jedoch aus Rücksicht auf die Teeindustrie, von der die Region und die Gor­khas leben, ausserhalb der Erntezeit stattfanden.

Geschlossene Schulen, explodierte Sprengsätze

Der Konflikt loderte diesen Mai auf, als die Regierung Westbengalens Bengalisch als Pflichtfach in den Schulen Darjeelings anordnete. Seitdem erschüttern Proteste die Region, Schulen und Läden sind geschlossen. Vergangene Woche explodierten mehrere Sprengsätze. Ob eine Initiative der Regierung in Kalkutta, mit den Führern der Autonomiebewegung ins Gespräch zu kommen, Erfolg hat, lässt sich schwer abschätzen: Seit die Regierung Mitte Juni das Internet in der ­Region abgeschaltet hat, gibt es kaum verlässliche Nachrichten aus Darjeeling.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.