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UMWELTPOLITIK: Teheran bringt Kritiker zum Schweigen

Der mysteriöse Tod eines bekannten Soziologieprofessors sorgt im Iran für Aufregung. Festgenommen wurde auch der Vize-Umweltminister, ein Kritiker des ökologischen Raubbaus unter der Regie der klerikalen Machtelite.
Martin Gehlen, Tunis
Umweltaktivisten der Persian Wildlife Heritage Foundation, deren Leiter nun im Gefängnis eines mysteriösen Todes gestorben ist. (Bild: Raheb Homavandi/Reuters (Miankaleh, 22. September 2011))

Umweltaktivisten der Persian Wildlife Heritage Foundation, deren Leiter nun im Gefängnis eines mysteriösen Todes gestorben ist. (Bild: Raheb Homavandi/Reuters (Miankaleh, 22. September 2011))

Martin Gehlen, Tunis

Die Familie von Kavous Seyed Emami steht unter Schock. Auf seiner US-Tournee habe ihn die Nachricht vom angeblichen Selbstmord seines Vaters erreicht. «Das ist einfach unfassbar», twitterte der Punk-Rock-Star Seyed-Emami alias King Raam. «Ich glaube das nicht, wir alle glauben das nicht», schrieb er und verlangte eine Autopsie.

Der Tote, der neben der iranischen auch die kanadische Staatsbürgerschaft besass, gehörte zu den bekanntesten Umweltexperten im Iran. Er war Gründer und Chef der Persian Wildlife Heri­tage Foundation (PWHF), einer weltweit respektierten NGO, die sich um bedrohte Arten wie den Asiatischen Gepard kümmert, von dem auf der Welt noch maximal 50 Tiere leben – alle im Iran.

Spionagevorwurf an NGO-Mitarbeiter

Am 24. Januar wurden der 63-Jährige und sieben seiner Mitarbeiter vom Geheimdienst der Revolutionären Garden verhaftet. Die Justiz warf ihnen vor, unter dem Deckmantel des Umweltschutzes spioniert, strategische Informationen gesammelt und an Ausländer weitergegeben zu haben. Zwei Wochen später war Kavous Seyed Emami tot, angeblich hatte er sich in seiner Zelle erhängt. Sein Tod sorgt in den sozialen Medien der Islamischen Repu­blik für helle Empörung. Niemand glaubt an die Version der Justiz, zumal ein Mitinsasse einem Journalisten die Nachricht zuspielen konnte, der Soziologieprofessor sei von seinem Vernehmungs­offizier erdrosselt worden. Und so wandten sich gestern führende iranische Akademiker in einem offenen Brief an Präsident Hassan Rohani und verlangten Aufklärung über den angeblichen Selbstmord. Der Tod von Kavous Seyed Emami habe die Gemeinschaft der Wissenschafter und Umweltaktivisten schockiert, schrieben die Hochschullehrer und bezeichneten «die Nachrichten und Gerüchte über seine Verhaftung und seinen Tod» als «nicht glaubhaft». Der Verstorbene sei nicht nur ein bekannter Professor, sondern auch ein hervorragender Wissenschafter und eine einmalige Persönlichkeit ­gewesen. Von Präsident Rohani erwarte man nun eine seriöse Untersuchung. Zudem müssten alle Instanzen, die für «diesen schmerzlichen Verlust» verantwortlich seien, zur Verantwortung gezogen werden.

Folter ist in Gefängnissen an der Tagesordnung

In einer ersten Reaktion twitterte ein enger Berater Rohanis, die Justiz, die als Machtbastion der Hardliner gilt, müsse besser kontrolliert werden. Irans Staatsanwälte, Vernehmungsbeamte und Richter üben ein intransparentes Willkürregime aus. Folter und Misshandlungen von Häftlingen sind an der Tagesordnung, Geständnisse werden erzwungen, die Prozesse sind unfair. Bereits Anfang Januar starben zwei Studenten, die während der landesweiten Unruhen verhaftet worden waren, unter mysteriösen Umständen im Gewahrsam, ebenfalls angeblich durch Selbstmord.

Am Samstag verhaftet wurde dann sogar der junge Vize-Umweltminister Kaveh Madani. Nach heftigem Tauziehen hinter den Kulissen kam der 36-Jährige nach einem Tag wieder frei, wie sein Chef, der Vizepräsident für Umweltfragen, Issa Kalantari, gestern bestätigte.

Wasserkatastrophe stimuliert Proteste

Beide Politiker gelten als führende Wasserexperten, die den ökologischen Raubbau unter der Regie der Islamischen Republik offen kritisieren. Entsprechend spielt der iranische Wasserbankrott in dem sich zuspitzenden Machtkampf zwischen Moderaten und Hardlinern eine immer wichtigere Rolle. In den Jahresberichten der Persian Wildlife Heritage Foundation wurde das Versiegen der Quellen als zentrale Bedrohung für die einheimischen Wildtiere genannt.

Denn nirgendwo ist 39 Jahre nach der Staatsgründung das Versagen der klerikalen Machtelite so offensichtlich wie bei dem Umweltdrama des Landes – einer der Hauptgründe für die Massenproteste seit Jahresbeginn.

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